Washington erwägt Freigabe strategischer Reserven
Am Ölmarkt drohen weitere Preissteigerungen

Seit Wochen liegt der Ölpreis über dem von der Opec vorgegebenen Höchstpreis von 28 Dollar je Barrel. Je nachdem, wie sich der Irak-Konflikt entwickelt, rechnen Experten mit heftigen Reaktionen der Notierung. Dabei droht nicht einmal eine akute Öl-Verknappung. Doch der Preis ist stark von psychologischen Faktoren bestimmt.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. An den Spotmärkten sind die Notierungen für Erdöl in den vergangenen Wochen stetig gestiegen. Zeitweise erreichten sie den höchsten Stand seit Oktober 1990, als der Golfkrieg unmittelbar bevorstand. Nun hat sich erneut eine "Kriegsprämie" herausgebildet. "Bei einem kurzen und erfolgreichen Krieg gegen den Irak sollte der Ölpreis aber schnell wieder auf bis zu 20 $ je Barrel sinken", sagt Thomas Mayer, Chef-Ökonom der Deutschen Bank für Europa. Doch sollte sich der Waffengang zu einer Krise im Nahen Osten ausweiten, befürchten Experten Preise von bis zu 100 $ je Barrel.

Für den Essener Energieprofessor Dieter Schmitt ist alles zusammengekommen, um die Ölmärkte auf Verknappung einzustimmen: die Sorge vor einer Eskalation im Nahen Osten, die möglicherweise wachsende islamische Solidarität und die im Gegensatz zum ersten Golfkrieg geringere Angebot auf dem Weltölmarkt, das als Puffer bei Preissteigerungen wirkt. Auch die kommerziellen Lagervorräte bewegen sich beim wichtigsten Ölverbraucher der Welt, den USA, nach Schätzungen der staatlichen Energy Information Agency in Washington auf dem niedrigsten Stand seit Mitte der 70er Jahre. Und die kurzfristig verfügbaren Kapazitätsreserven liegen nach Angaben des Centre for Global Energy Studies in London halb so hoch wie die optimistischen Schätzungen im Lager des Opec-Kartells.

"Die Londoner Agentur des langjährigen saudi-arabischen Ölministers Al-Jamani hält schlimmstenfalls Preise von bis zu 100 $ je Barrel für möglich", sagt Heino Elsert, Herausgeber des Fachmagazins Energie Informationsdienst. Auch Eberhard Weinberger von der Vermögensverwaltung Dr. Jens Erhardt Kapital AG warnt vor einem - vornehmlich psychologisch bedingten - Preissprung, sollte der Konflikt eskalieren: "Dann kann der Preis auf 80 $ steigen."

Tatsächlich aber steht keine akute Ölknappheit bevor: Das Fachblatt Petroleum Intelligence Weekly (PIW) kommt zum Ergebnis, dass die fundamentalen Marktfaktoren keinen Anlass für die Furcht nachhaltiger Verknappung geben würden. Selbst die geringen Vorräte, die witterungsbedingt starke Weltölnachfrage, die bescheidenen Förderzuwächse der Opec und das militärische Eingreifen gegen den Irak sorgen die PIW-Experten kaum. Der Generalsekretär der Opec, Alvaro Silva Calderón, beziffert die ungenutzten Angebotspotenziale der Kartellmitglieder auf bis zu 4 Mill. Barrel pro Tag (b/d). So könnten Produktionsausfälle des Irak mehr als kompensiert werden. Der saudische Ölminister Ibrahim al-Naimi hat eine kurzfristige Steigerung der Fördermöglichkeiten seines Landes von 9,5 auf 10,5 Mill. b/d in Aussicht gestellt. Die Opec will gegebenenfalls die Fördermengenbegrenzung ganz aussetzen.

Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris zeigt sich weniger optimistisch. Zwar werden die zusätzlichen Produktionsmöglichkeiten der Opec-10 - ohne den Irak - gleichfalls auf mehr als 4 Mill. b/d bewertet. Doch macht die IEA darauf aufmerksam, dass die Angebotsreserven ohne das krisengeschüttelte Venezuela nur knapp 2,3 Mill. b/d ausmachen. Rechnerisch würde dieser Spielraum aber ausreichen, um Iraks Ausfall wettzumachen.

Die Weltölmärkte bleiben dennoch für spekulative Ausschläge anfällig. Experten führen dies auf das Gesetz der kognitiven Dissonanz zurück: Marktteilnehmer würden nur Nachrichten aufnehmen, die ihr Vorurteil, bevorstehende drastische Ölverknappung, bestätigten. Die Gefahr Preis treibender Hortungskäufen besteht daher fort.

Der schlimmste Fall wäre der (partielle) Ausfall der arabischen Ölausfuhren, die beinahe 45 % der internationalen Liefermengen ausmachen. Dieser Fall wäre nur durch eine Freigabe der Erdölvorräte in den Verbraucherländern wettzumachen. Die IEA-Experten schätzen, dass damit im Durchschnitt der Netto-Import für 115 Tage gedeckt werden könnte. Der Exekutivdirektor der Pariser Agentur, Claude Mandil, meint jedoch: "Der Rückgriff auf strategische Reserven sollte das letzte Mittel sein." Demgegenüber sicherte US-Energieminister Spencer Abraham zur Dämpfung der Preisspitzen bereits die teilweise Freigabe der strategischen Vorräte in den USA zu. Washington hatte wiederholt staatliche Vorräte im Winter freigegeben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%