Washington setzt alles an die Ergreifung von El-Kaida-Chef
Bin Ladens Flucht wäre für die USA eine Katastrophe

Das schlimmste Szenario bei der Suche nach dem islamischen Fundamentalistenführer Osama bin Laden wagt Richard Myers kaum anzusprechen: "Es könnte sein, dass er Afghanistan verlässt", fürchtet der US-Generalstabschef. Nach mehr als sechswöchigem Bombenkrieg in Afghanistan fehlt von dem mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September jede Spur.

afp WASHINGTON. Angesichts der ausbleibenden Fortschritte bei der Fahndung nach dem meistgesuchten Mann der Welt macht sich bei den US-Militärs langsam Unruhe breit. Washington scheut denn auch kein Mittel, Bin Laden zu "verfolgen, wo auch immer er sich aufhält", wie Pentagon-Sprecher John Stufflebeem sagt. Sollte er dennoch entwischen, wäre das nach Auffassung von Experten für Washington schlicht eine Katastrophe.

Eine Flucht Bin Ladens wäre nach Ansicht von Peter Singer vom Washingtoner Brookings Institute "aus psychologischer Sicht ein schwerer Schlag". Der Experte hält es gleichwohl für "realistisch", dass sich der mutmaßliche Terroristenchef seit dem Vormarsch der Nordallianz in Afghanistan nicht mehr sicher fühlt und sein Heil in der Flucht sucht. In den vergangenen Tagen wurde über Fluchtversuche mehrfach spekuliert. Die Taliban, Bin Ladens "Gastgeber", bemühten sich mehrfach, seinen Verbleib zu verschleiern. Als möglicher Unterschlupf für Bin Laden gilt das Nachbarland Pakistan - ausgerechnet der wichtigste Verbündete der USA im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus. Die Regierung in Islamabad will nicht in Verdacht geraten, dem mutmaßlichen Terroristenchef ein Versteck zu bieten und streitet ein solches Fluchtszenario vehement ab.

Auf der Suche nach Bin Laden ist den USA jedes Mittel recht: Mit ihren Luftangriffen bombten US-Kampfflugzeuge der Nordallianz in Afghanistan den Weg frei. Die bewaffnete afghanische Opposition vertrieb die Taliban daraufhin aus weiten Teilen des Landes am Hindukusch. Seit einigen Tagen konzentrieren US-Spezialeinheiten ihre Suche auf die Region um die Taliban-Hochburg Kandahar, wo ein ausgedehntes Höhlennetz von Bin Ladens El-Kaida-Netzwerk vermutet wird. Um sicher zu gehen, dass Bin Laden nicht doch den lasergesteuerten US-Raketen und Aufklärungsdrohnen entwischt, durchsuchen US-Marine-Einheiten sogar Handelsschiffe vor der pakistanischen Küste.

Erfolg verspricht sich die US-Regierung auch von subtileren Maßnahmen. "Wir verwenden sämtliche Geheimdienstmittel, wir nutzen all unsere Kontakte zur Opposition und zu lokalen Stammesgruppen, um El-Kaida-Mitglieder aufzuspüren", sagt Pentagonsprecher Stufflebeem. Auf den Kopf Bin Ladens setzte Washington 25 Millionen Dollar (knapp 56 Millionen Mark/29 Millionen Euro) aus, um seinen Anhängern Informationen über dessen Aufenthaltsort zu entlocken. Bislang entzieht sich der bärtige Fundamentalistenführer mit den sanften Zügen jedoch erfolgreich allen Nachstellungen durch den gigantischen US-Militärapparat.

Alles andere als das baldige Aufspüren Bin Ladens käme Experten zufolge für Washington einer schweren Niederlage gleich. Jeder Tag, an dem der Moslemextremist in Freiheit sei, werde er in der Öffentlichkeit "weiter aufgebaut", warnt Jerrold Post von der George Washington Universität. Singer zufolge sind die USA zum Erfolg verdammt: Sollte Bin Laden den USA nicht ins Netz gehen, würde er bei seinen radikalislamischen Anhängern immer weiter an Ansehen gewinnen. Bin Laden selbst arbeitet derweil angesichts der sich zuziehenden Schlinge offenbar an seinem eigenen Mythos. Nach einem saudi-arabischen Zeitungsbericht will er sich von seinen Anhängern eher töten lassen, als in die Hände seines Erzfeindes USA zu fallen.

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