Washington setzt auf neue Kriegsstrategie
High-Tech soll Irak in die Knie zwingen

Während die Rüstungskontrolleure der Uno die Suche nach irakischen Massenvernichtungswaffen aufgenommen haben, feilen die Strategen des Pentagon an ihren Kriegsplänen. Dabei setzen sie auf eine neue Strategie und jede Menge High-Tech-Waffen. Doch die Skepsis über deren Wirkung wächst.

WASHINGTON. Das Szenario ist bis ins Detail durchgespielt: Erlöschende Radarschirme in den Leitstellen verkünden Saddam Husseins Kommandeuren den Beginn des US-Angriffs. Hellfire-Raketen, aus Hubschraubern abgeschossen, und lasergesteuerte Bomben haben als erstes die irakischen Radareinrichtungen zerstört. Kurz darauf schlagen 900 Kilogramm schwere, von Satelliten gelenkte Bomben in die Richtfunkanlagen ein und zerfetzen die Glasfasernetze. Ab jetzt können die irakischen Befehlshaber vor Ort keine Befehle mehr von ihren obersten Heerführern in Bagdad empfangen. Dann gehen in den Kommandozentralen langsam die Lichter aus, denn auch die Kraftwerke im ganzen Land sind zerstört.

Soweit die Theorie. Dieses Kriegsszenario ist das Herzstück eines Plans, den das US-Verteidigungsministerium für den Fall eines Krieges gegen den Irak ausgearbeitet hat. Der neue Plan stützt sich auf die neue Kriegstechnologie, die das US-Militär in den zehn Jahren seit dem Golfkrieg im Eilverfahren entwickelt hat. Die "wirkungsbasierte Kriegsführung" - so die interne Bezeichnung des Pentagon - ist in der Praxis bislang zwar noch nicht erprobt, hat aber die volle Rückendeckung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

Sie sieht vor, dass ein Luftangriff auf strategisch wichtige Ziele schnell, präzise und minutiös erfolgen muss. Feindliche Truppen sollen vorübergehend so lahm gelegt werden, dass sie als geschlossene Einheit für geraume Zeit nicht mehr zurück schlagen können. Schnell vorstoßende Bodentruppen sollen den feindlichen Einheiten den Rest geben - bevor die sich wieder berappelt haben. Diese Art der Kriegsführung "macht es möglich, seine Ziele schneller, mit weniger Opfern, geringeren Kosten und weniger Personal zu erreichen", schwärmt Air Force General David Deptula, der geistige Vater der Luftangriffe im Golfkrieg und in Afghanistan.

Doch bislang sind das alles nur Planspiele. Denn ein Krieg in diesem Ausmaß wurde noch nie geführt - und es gibt keinerlei Garantien dafür, dass er erfolgreich wäre. Im Golfkrieg - von der Größenordnung mit dem jetzt geplanten Irakfeldzug vergleichbar - zählten weniger als 10 % der Bomben zu den Präzisionswaffen, bei allem High-Tech- Equipment, das damals eingeführt wurde. Die Feldzüge im Kosovo und in Afghanistan wiederum, die teilweise nach der neuen Kriegsstrategie geführt wurden, waren viel kleiner. Dennoch bestärkte der Sieg über die Taliban-Kämpfer - mit seinen Luftangriffen und nur wenige Tausend Soldaten am Boden - Rumsfeld in der Überzeugung, diese Strategie sei die einzig richtige.

Doch gibt es innerhalb des US-Militärs auch Kritiker, die im Afghanistan-Feldzug keineswegs den Triumph von Präzisionswaffen sehen. Hochrangige US-Offiziere meinen, der Krieg in Afghanistan habe deutlich gemacht, wie unzulänglich die eingesetzte Militärtechnik noch ist.

Dies sei vor allem bei der Operation Anaconda offensichtlich geworden, bei der 250 El-Kaida - Kämpfer in einer Bergregion im Osten Afghanistans getötet werden sollten. Die Amerikaner setzten ihre High-Tech- Waffen ein und rückten mit 1 500 Man an, doch statt drei Tagen dauerte der Angriff zwei Wochen. Anaconda sei so zur blutigsten und längsten Bodenschlacht in der ganzen Auseinandersetzung geworden, ziehen die Offiziere eine traurige Bilanz.

Doch Verteidigungsminister Rumsfeld ist nach Ansicht von amerikanischen Militärexperten von der neuen Strategie überzeugt. Vor drei Monaten erst hat er sämtliche Vier-Sterne-Generäle im US-Militär angewiesen, ihre Kriegspläne für den Fall eines Angriffs auf den Irak zu überarbeiten. Rumsfeld ist davon überzeugt, dass die neue Kriegsstrategie und Präzisionswaffen das US-Militär befähigen werden, den Krieg gegen Bagdad mit kleineren Truppenteilen und mit kürzerer Vorlaufzeit als ursprünglich geplant zu führen.

Allein vom Einsatz der neuen Technologie verspricht sich das Pentagon spektakuläre Auswirkungen. Während im Golfkrieg Anfang der neunziger Jahre die USA Flugzeugträger einsetzten, deren Maschinen 162 Ziele pro Tag zerstörten, können heute dieselben Kampfeinheiten fast 700 Ziele zerstören - weil sie mit weit präziseren Satelliten- und lasergesteuerten Bomben bestückt sind. Unbemannte Überwachungsflugzeuge, wie zum Beispiel "Predator" oder "Globalhawk", können bis zu 48 Stunden lang über den feindlichen Schlachtfeldern kreisen und von Truppenbewegungen Bilder aufnehmen. Mit einer neuartigen Satellitentechnik übermitteln die Flugzeuge ihre Bilddaten dann in wenigen Sekunden an Kampfhubschrauber, Bomber und vorrückende Bodentruppen übermitteln. So könnte die Navy den Feind aus der Luft angreifen, bevor dieser amerikanische Bodentruppen attackiert. Ein großes Lager an Skeptikern gegen die neue High-Tech-Kriegsführung findet sich verständlicherweise unter den Marine Corps und in der Army - sie hätten am meisten zu verlieren, wenn sie mit geringeren Truppenstärken angreifen und dann feststellen müssen, dass die Luftangriffe mit Präzisionswaffen den Feind bei weitem nicht so geschwächt hätten wir erhofft.

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