Washington setzt fünf Millionen Dollar Kopfgeld auf bin Laden aus
"Staatsfeind Nummer eins" ist schwer zu treffen

Wann immer in der Welt spektakuläre Terroranschläge verübt werden, fällt automatisch der Name des saudi- arabischen Multimillionärs Osama bin Laden. Auch für den schwersten Anschlag der US-Geschichte wird er als möglicher Täter gehandelt.

afp/rtr/dpa-afx ISLAMABAD WASHINGTON. Bin Laden gründete nach Erkenntnissen der Geheimdienste im Frühjahr 1998 ein internationales Terrornetzwerk und erklärte im Mai des selben Jahres seinen "heiligen Krieg". Die Plattform vereint Terror-Gruppen aus Afghanistan, Algerien, Bangladesch, Pakistan und Kaschmir. Zum engsten Führungszirkel gehören nach den Geheimdiensterkenntnissen auch die führenden extremistischen Köpfe der ägyptischen Terror-Organisationen "Gamaat Islamija" (Islamische Vereinigung" und "Dschihad" (Heiliger Krieg).

Schon seit den 80er Jahren facht bin Laden in Afghanistan den "Heiligen Krieg" an. Erst richtete sich der Krieg gegen die sowjetischen Truppen, die Afghanistan überfallen hatten. Damals wurden die afghanischen Widerstandskämpfer noch vom US-Geheimdienst CIA unterstützt. Seit aber die Golfkriegs-Alliierten 1991 Irak angriffen - und sich dabei auch auf sein Heimatland Saudi-Arabien stützten - hat bin Laden den Vereinigten Staaten den Kampf angesagt.

Zwar erklärten die Taliban bin Laden am 13. Februar 1999 als "verschwunden", aber wenig später machte dieser in einem Interview in Afghanistan alle US-Amerikaner zum Feind und Ziel. Der Schlange müsse der Kopf abgeschlagen werden, lautet eine seiner gängigen Formulierungen. Drei Gründe führt der selbst ernannte Kreuzzügler gegen Christen und Juden an: die Präsens US-amerikanischer Truppen in Saudi-Arabien, die Besetzung Jerusalems durch Israel sowie die US- Politik in der arabischen Welt. Und erst vor drei Wochen soll er nach israelischen Medienberichten mit einem beispiellosen Angriff auf die USA wegen ihrer Unterstützung Israels gedroht haben.

Bin Laden entstammt einer Familie mit südjemenitischen Wurzeln. Diese machte während des Baubooms in Saudi-Arabien ein Vermögen. Das Eigentum des Clans, der bin Laden als Abtrünnigen verstoßen hat, wird auf 38 Milliarden US-Dollar (84 Milliarden Mark) geschätzt. Er selbst soll über eine Portokasse von 300 Millionen Dollar (660 Millionen Mark) verfügen.

Bin Ladens Sündenregister

Er nutzte sein Milliardenerbe, um fundamentalistische Kämpfer militärisch auszubilden. Zu keinem der Anschläge, die ihm zur Last gelegt werden, hat er sich bekannt. Das Sündenregister, das seine Fahnder aufstellten, wurde in den vergangenen Jahren immer länger. Schon 1993 soll er bei dem Anschlag auf das World Trade Centre in New York indirekt beteiligt gewesen sein. Bin Laden wird hinter dem Attentatsversuch auf Ägyptens Staatschef Husni Mubarak von 1995 ebenso vermutet wie hinter dem Anschlag von Luxor vom November 1997. Damals kamen 58 Ausländer ums Leben. 1995 und 1996 starben 24 US-Soldaten in Saudi-Arabien. Auch diese beiden Attentate sollen die Handschrift bin Ladens tragen.

Die US-Regierung ist sich sicher, dass bin Ladens Terrornetzwerk auch die Anschläge vom 7. August 1998 auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam verübte, bei denen 224 Menschen getötet und mehr als 4 500 verletzt wurden. Auch der Anschlag auf das US- Kriegsschiff "US-Cole" vom Oktober 2000 im südjemenitischen Aden soll auf sein Konto gehen. Dabei kamen 17 US-Soldaten ums Leben.

Warnung vor Angriffen

Noch vor drei Wochen kündigte bin Laden nach Informationen der arabischen Zeitung "El Kuds" einen "entscheidenden Angriff" gegen Interessen der USA an. Folgerichtig sagte Ex-NATO-Oberbefehlshaber Wesley Clark nach den Terroranschlägen von New York und Washington, der "erste Verdacht" gelte bin Laden. "Bin Laden ist zu dem geworden, was er ist, weil er von den Taliban geschützt wird", erklärte Amin Saikal von der Universität Canberra. "Und die Taliban sind zu dem geworden, was sie sind, weil sie von Pakistan geschützt werden." Daher müssten die USA auf Pakistan Druck ausüben, um das "mittelalterliche, zerstörerische" Taliban-Regime in Kabul zu stürzen.

Unterdessen warnte Bob Karniol von der US-Militärfachzeitschrift "Jane's Defence Weekly", Washington müsse von einem schnellen Vergeltungsangriff absehen und erst "sorgfältig die Verantwortung für die Anschläge klären". Die US-Regierung verzichtete nach den Anschlägen zunächst darauf, Bin Laden als Drahtzieher zu bezeichnen. Regierungsbeamte in Washington wiesen aber darauf hin, dass bin Laden und sein Netzwerk "El Kaida" in die Anschläge verwickelt sein könnten.

CIA traut Bin Laden Mehrfach-Anschläge zu

Ein CIA-Sprecher erinnerte an eine im Frühjahr vom US-Geheimdienst vorgelegte Studie, nach der Bin Laden in der Lage sei, "ohne Vorankündigung gezielt Mehrfach-Anschläge" zu verüben. Und dann gibt es jenes ABC-Interview, in dem bin Laden sagte, bei Angriffen gegen US-Bürger "machen wir keine Unterschiede zwischen denen, die eine militärische Uniform tragen, und Zivilisten - sie sind alle Ziele".

Die Regierung in Kabul bemühte sich am Mittwoch, den Verdacht zu zerstreuen, diese Äußerung sei auch auf den Anschlag auf das World Trade Center anwendbar. "Osama ist nur ein einzelner Mensch, er könnte so etwas nicht schaffen", sagte der Taliban-Botschafter in Islamabad, Abdul Salam Saef. Die Regierung in Kabul forderte Beweise dafür, dass bin Laden hinter den Anschlägen stecke. Dann könne seine Auslieferung erwogen werden. Nach den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania dauerte es zwölf Tage, bis die USA mutmaßliche Ausbildungslager des Moslem-Extremisten in Afghanistan bombardierten. Bin Laden entkam unversehrt.

Bin Laden begann 1979 nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan mit der Rekrutierung arabischer Freiwilliger. Von 1991 bis 1996 lebte er im Sudan, das er nach dem Attentatsversuch auf Mubarak verlassen musste. Danach tauchte er mit seinen vier Frauen und mehreren Kindern in Afghanistan unter.

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