Washington überarbeitet Angriffspläne
Saddam verliert seine letzten Fürsprecher

Washington treibt die Vorbereitungen für einen Angriff auf den Irak beharrlich voran. Die Waffenlager füllen sich, die Aufmarschpläne gegen das angebliche Terrorregime nehmen konkrete Formen an. Selbst die letzten Freunde von Saddam Hussein - Russland und Jordanien - scheinen die Unvermeidlichkeit eines Angriffs einzusehen.

law DÜSSELDORF. Die USA ziehen den Ring um den Irak enger. Während sich das Militär für einen Angriff auf das Regime von Saddam Hussein einrichtet, fallen wichtige Verbündete von Bagdad ab. Sowohl der Wirtschaftspartner Russland als auch der Nachbar Jordanien haben nach Ansicht von Experten akzeptiert, dass sie von der Kooperation mit den USA und einem Nach-Saddam-Regime mehr profitieren, als wenn sie Loyalität zum Diktator aufrecht halten.

Dass sich Russland von Saddam distanziert, deutet sich seit der Verlängerung der Uno-Sanktionen gegen den Irak im Mai an. Moskau stimmte den neuen "intelligenten" Sanktionen im Sicherheitsrat zu und brach damit die Tradition, sich bei Resolutionen gegen Bagdad zu enthalten. Im Zuge seiner neuen Westorientierung ist Präsident Wladimir Putin offenbar bereit, einen US-Angriff hinzunehmen - wenn die Wirtschaftsinteressen Russlands nicht berührt werden. Die "Los Angeles Times" berichtet unwidersprochen, US-Diplomaten hätten Moskau eine weitreichende Garantie gegeben: Eine neue Regierung in Bagdad werde die Schulden an Russland bedienen und die Verträge mit russischen Ölfirmen erfüllen. Der Irak steht in Moskau mit 8 Mrd. $ in der Kreide.

Zwar hält Russlands Außenminister Igor Iwanow an der offiziellen Haltung fest, die Probleme mit dem Irak könnten nur politisch gelöst werden. Doch hat Putin seit den Anschlägen vom 11. September immer wieder bewiesen, wie radikal er alte Positionen zu Gunsten einer engen wirtschaftlichen und politischen Einbindung in den Westen über Bord wirft.

Wirtschaftlicher Druck zeigt Wirkung

Eine ähnliche Kehrtwende deutet sich in Jordanien, dem "Bruderstaat" des Iraks, an. Amman ist ebenso von Öllieferungen aus dem Irak wie von Geldspritzen aus den USA abhängig. Doch scheint Washington auch hier geklärt zu haben, wer am längeren Hebel sitzt. Zwar dementiert das jordanische Königshaus jede Wende, doch sprach die Teilnahme des früheren Kronprinzen Hassan an der Konferenz irakischer Ex-Offiziere in London am vergangenen Wochenende eine klare Sprache. Der Auftritt müsse in Bagdad als Provokation aufgefasst werden, urteilen westliche Diplomaten in Amman. Jordanien wolle bei einem US-Angriff nicht auf der Verliererseite stehen. Und selbst das Dementi von König Abdullah läßt Raum für Spekulationen: Die USA würden mit einem Angriff auf den Irak in eine schwierige Lage geraten - es sei denn, "sie überzeugen die internationale Gemeinschaft von der Durchführbarkeit und dem Grund, den Irak anzugreifen", sagte Abdullah dem US-Sender NBC. Nicht ohne Grund reist er noch in diesem Monat - und damit zum sechsten Mal in der Amtszeit von Präsident George W. Bush - in die USA.

Arabische Zeitungen in London berichten bereits, die irakische Exilopposition wolle unter dem Namen "Demokratisch-Königliche Opposition" auftreten. Dies nährt Spekulationen, das jordanische Königshaus - welches bis zum Staatsstreich von 1958 auch den Irak regierte -, könne eine Rolle beim Wiederaufbau des Iraks spielen.

Ablehnung in der Türkei

Während die US-Diplomaten in Jordanien und Russland voran kommen, müssen sie unerwartet um einen sicher geglaubten Bündnisspartner werben: die Türkei. Der Nato-Partner ist als Aufmarschgebiet bereits eingeplant, doch wäre das angesichts des breiten Widerstandes im Land nur mit Hilfe einer starken Regierung in Ankara durchzusetzen - was durch die aktuelle Regierungskrise gefährdet ist. Derzeit bemüht sich US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz in Ankara, das Bündnis zu festigen. Um türkische Befürchtungen auszuräumen, sagte Wolfowitz bereits zu, dass die USA keinen kurdischen Staat im Nordirak akzeptieren würden. Dennoch stößt er auf Ablehnung: Die Türkei stelle sich auf keinen Fall für einen Aufmarsch zur Verfügung, berichtete der türkische Sender NTV aus Regierungskreisen.

Allerdings können die USA die Krise in der Türkei aussitzen, denn mit einem Irak-Angriff ist aller frühestens nach Ende des Ramadans im Dezember zu rechnen. Inzwischen füllen die Amerikaner ihre Waffenlager neu, die sich Afghanistan-Krieg geleert hatten. Und die US-Militärs spielen immer neue Szenarien durch: Nachdem der zuständige General Tommy Franks zuletzt einen Angriff mit 250 000 Soldaten skizziert hatte, wird nun eine Attacke mit 50 000 bis 70 000 Mann am Boden erwogen, berichtet das "Wall Street Journal". Diese Truppen wären gegen vorbeugende Angriffe des Iraks besser gefeit, weil sie binnen zwei Wochen stationiert werden könnten - in der Türkei, in Kuwait oder auch in Jordanien.

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