Washington verstärkt die PR-Offensive
Bin Laden gewiefter Gegner in der Medienschlacht

Moderne Kriege werden nicht nur auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern auch in den Medien. Dies weiß nicht nur die US-Regierung. Dies weiß auch Osama bin Laden. Und so ist zeitgleich mit dem Beginn der Militärkampagne auch der Kampf auf den Sendern voll entbrannt.

afp WASHINGTON. Bin Laden will mit seinen Fernsehbotschaften die Furcht in der US-Bevölkerung schüren und die arabische Welt für den "Heiligen Krieg" mobilisieren. Die USA wollen die eigene Nation und die Weltöffentlichkeit auf einen schwierigen Krieg einstimmen und verhindern, dass in der arabischen Welt eine breite antiamerikanische Revolte ausbricht.

Experten bescheinigen Bin Laden, ein meisterhafter Propagandist zu sein. Er sei ein gebildeter und genialer Mann, der sich nicht nur in der islamischen, sondern auch in der westlichen Welt auskenne, der in den Höhlen und Trümmern Afghanistans den "Heiligen Krieg" gekämpft habe und verschlüsselte Botschaften auf CD-Roms um die Welt verschicke, sagt Harvey Kushner, Terrorismus-Experte an der Long Island University im US-Bundesstaat New York. Für die islamische Welt habe Bin Laden sich das Image eines Heiligen aufgebaut, für den Westen stilisiere er sich als "Antichrist", die Inkarnation des Bösen. "Er weiß, wie man eine Kultur gegen die andere ausspielt", so Kushner.

Für die Angriffe in Afghanistan hatte Bin Laden seine PR-Gegenoffensive sorgfältig vorbereitet. So folgte kurz auf den Start der Lufteinsätze und die TV-Ansprache von US-Präsident George W. Bush der weltweite Fernsehauftritt des Widersachers. In dem vorab aufgezeichneten und dem arabischen Massensender El Dschasira aufgezeichneten Video stieß Bin Laden nicht nur neue Drohungen gegen die USA aus. Er beschwor auch die Sache der Palästinenser und zeichnete ein dramatisches Bild der Lage im Irak, wo "Millionen von unschuldigen Kindern" durch das Embargo gestorben seien - offensichtliche Versuche, eine Massenbewegung quer durch die moslemische Welt zu entfachen. In Teilen der arabischen Welt scheint die Botschaft Wirkung zu zeigen. Der ägyptische Autor Gamal Ghitani sagt, Bin Laden sei für viele junge Araber zu einer Art moslemischer Che Guevara geworden: "Es ist das Bild eines Mannes, der seinen Reichtum aufgibt und zum Kampf in die Berge zieht."

Die USA haben seit den Anschlägen versucht, die von Bin Laden propagierte Zweiteilung der Welt in "Gläubige" und "Ungläubige" aufzubrechen. Bush setzt eine andere - ebenso einfache - Zweiteilung dagegen: Feinde und Freunde des Terrors. Um möglichst großen Beistand in der islamischen Welt bemüht, beharrt er darauf, dass der Krieg in Afghanistan kein Krieg gegen die afghanische Bevölkerung und gegen den Islam sei. Der Abwurf von Hilfsgütern soll diese Botschaft unterstreichen und ist damit vor allem auch eine PR-Aktion.

Doch der Fernsehauftritt Bin Ladens hat die Regierung in Washington alarmiert. Außenminister Colin Powell protestierte bei El Dschasira und den Behörden von Katar, wo der Sender seinen Sitz hat. Und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice intervenierte in einer außergewöhnlichen Aktion bei den US-Sendern, die das Video weiter verbreitet hatten. Die TV-Botschaften Bin Ladens könnten nicht ungeprüft über den Äther gehen, da sie möglicherweise versteckte Anweisungen zu neuen Anschlägen enthielten, argumentierte sie. Die Sender beugten sich dem Druck und sagten zu, Bin-Laden-Videos künftig redaktionell zu überprüfen.

Doch die US-Regierung sorgt sich nicht nur um kodierte Terroranweisungen, sondern auch um die psychologische Wirkung von Bin Ladens Auftritten in der eigenen Bevölkerung und der moslemischen Welt. "Bin Laden gewinnt den Propagandakrieg", titelte bereits der britische "Guardian". Deshalb fahren die USA in der Medienschlacht jetzt schwerere Geschütze auf. Im Außenministerium wurde ein Sonderstab eingerichtet, der sich rund um die Uhr mit der Kriegs-PR befasst. Der aus Staatsmitteln finanzierte Sender "Voice of America" erweiterte seine Programme in den beiden wichtigsten afghanischen Sprachen. Und die US-Regierung will nach Möglichkeit ihrerseits Botschaften über arabische Sender verbreiten, auch bei El Dschasira. Sogar an einen Auftritt Bushs bei diesem oft als "arabisches CNN" bezeichneten Sender wird gedacht.

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