Washingtons Falken rutschen in die Rolle der Uno-Inspektoren
USA bleiben Beweise für Chemiewaffen schuldig

Geoff Hoon hat keine Zweifel: "Wir werden Massenvernichtungswaffen finden", sagt der britische Verteidigungsminister. Zwölf Einrichtungen, die von den Geheimdiensten als mögliche Waffenlabore genannt worden waren, haben Spezialisten der Alliierten im Irak bereits untersucht, Meldungen über verdächtige Chemikalien häufen sich - einen "rauchenden Colt" als Beleg für die Existenz verbotener chemischer oder biologischer Kampfstoffe bleiben die USA und Großbritannien aber bislang schuldig.

law DÜSSELDORF. Auch haben die irakischen Truppen bisher kein Giftgas eingesetzt. Dabei hatten Militärexperten vorhergesagt, Saddam Hussein werde spätestens dann damit zuschlagen, wenn die Alliierten die "rote Linie" rund um Bagdad überschritten. Dass der Diktator Massenvernichtungswaffen besitzt und zu ihrem Einsatz bereit ist, war die Begründung der USA, das Land auch ohne Uno-Mandat präventiv anzugreifen.

Erst am Dienstag erwies sich ein vermeintlicher Senfgas-Fund bei Nadschaf als Fehlalarm. Fünf Soldaten hatten unter Hautausschlag und Übelkeit gelitten, ein US-Geheimdienstoffizier sprach gleich von Senfgas. Auch bei einem Montag entdeckten angeblichen Chemiewaffenlager bei Bagdad handelte es sich nur um ein Depot für Pflanzenschutzmittel.

Unversehens geraten Washingtons Falken in die Rolle der Uno-Inspekteure, denen die USA mehr Zeit für ihre Suche verweigert hatten. "Es ist eine harte Arbeit und wird lange dauern", sagt Pentagonsprecherin Victoria Clark - und klingt dabei wie vor wenigen Wochen Uno-Chefinspekteur Hans Blix. Hoon warnt vor voreiligen Erwartungen, weil das Regime die Waffen "in den abgelegensten Regionen" versteckt habe. Experten bestätigen, dass nur ein Bruchteil der verdächtigen Orte bisher überprüft wurden. Bereits die Uno-Inspekteure wussten, dass Hinweise irakischer Wissenschaftler den besten Weg bieten, Saddams Geheimnisse aufzudecken. Aber die wagen sich erst nach dem endgültigen Aus des Regimes aus der Deckung.

Ohnehin wachsen die Zweifel, ob der Irak überhaupt Massenvernichtungswaffen besitzt. "Die meisten Informationen beruhen auf Angaben von Überläufern", sagt Joseph Cirincione, Waffenspezialist des Carnegie Endowment. "Vielleicht haben sie ihre Geschichten übertrieben oder Vorräte an Gasmasken für Giftgaslager gehalten." Gleichzeitig werden Forderungen laut, Belege für Massenvernichtungswaffen von unabhängigen Experten prüfen zu lassen. Das "Wall Street Journal" berichtet, der britische Premier Tony Blair und Teile des US-State Departments wollten diese Rolle der Uno überlassen - was das Pentagon verhindert.

Militärsprecher vor Ort weisen alle Zweifel zurück und argumentieren, der rasche Vormarsch und klare Drohungen hätten irakische Kommandeure abgeschreckt, Giftgas einzusetzen. Der Widerstand der irakischen Kämpfer könnte bei Saddam den Eindruck hinterlassen, dass seine Lage nicht völlig aussichtslos ist, argumentiert Kenneth Pollack von der Brookings Institution. Und weil sich Saddam im Propagandakrieg einen Sieg über die USA erhofft, könnte er weiter zögern, in seiner letzten Stunde den US-Falken doch noch Recht zu geben.

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