Wasserpflanze macht künstlichen Dämmstoffen Konkurrenz
Matten aus Seegras isolieren Hauswände

Angeschwemmtes Seegras ist für viele Küstengemeinden eine Plage. Doch an der Mecklenburgischen Küste wird aus dem lästigen Abfall neuerdings ein wertvoller Rohstoff. Matten aus dem Naturmaterial speichern die Wärme besser als künstliche Dämmstoffe.

KÖLN. Bis zu 120 000 Euro jährlich verpulverte die Gemeinde Klütz bislang pro Jahr im Kampf gegen das Seegras. Etwas anderes blieb ihr auch nicht übrig. "Die Touristen wollen saubere Strände, deshalb mussten wir jedes Jahr etwa 600 Kubikmeter Seegras entsorgen", sagt Bernd Anders, Leiter der Klützer Gemeindeverwaltung. Doch damit ist es jetzt vorbei, denn mit finanzieller Unterstützung der EU entsteht aus dem Strandabfall ein Dämmstoff für Wände und Dächer.

Die Lösung für das Problem kam aus der Hochschule Wismar. Dort hatte ein Student in seiner Diplomarbeit das hohe Lied auf die Wasserpflanze gesungen und ihre guten Dämmeigenschaften, ihre hohe Wämespeicherkapazität und ihre schwere Entflammbarkeit herausgestellt. Nichts Neues im Prinzip: Schließlich hatte man Häuser in Küstennähe vor der Erfindung von Schaumstoff und Glaswolle häufig mit Seegras gedämmt. Auch in Kissen und Matratzen wurde es gerne gestopft. Neu aber war die Erkenntnis, dass Seegras Wärme sogar besser speichert als künstliche Dämmstoffe. Bernd Anders, der auch das EU-Projekt leitet, hat errechnet, dass die Wärmekapazität von Seegras selbst die von Glas- und Steinwolle übersteigt.

Gute Voraussetzungen für die Karriere des alternativen Naturmaterials. "Denn ökologisches Dämmen", sagt Axel Leroy, Geschäftsführer des Bau-Medien-Zentrums in Düren und Experte für ökologisches Bauen, "bedeutet nicht nur, dass der Rohstoff natürlich ist, sondern vor allem dass er viel Wärme speichert und damit Energie spart." Allemal gesünder für Mensch und Umwelt ist die Meerespflanze ohnehin: Während beim Einbau von Glaswolle Faserpartikel in die Lunge gelangen und Allergien auslösen können, ist bei der Arbeit mit Seegras kein Atemschutz notwendig. Und während die synthetischen Dämmstoffe irgendwann zu Sondermüll werden, ist Seegras kompostierbar.

In einem Punkt allerdings zieht der pflanzliche Dämmer den Kürzeren: Während der Bauherr für eine 20 Zentimeter dicke Dämmschicht aus Seegras pro Quadratmeter um die zehn Euro zahlen muss, gibt's gleich dicke Glaswolle schon für etwa acht Euro. Weil das Meer mit dem Seegras jede Menge Müll anschwemmt, mussten bisher leere Cola-Dosen und alte Badehosen von Hand aussortiert werden. Neuerdings erledigt eine Maschine das Reinigen und Trocknen automatisch. Aus dem so vorbereiteten Naturprodukt entstehen dann zwei Dämmprodukte: zum einen ein loser Füllstoff für Hohlräume, zum anderen gepresste Seegrasmatten für die Isolierung von Wänden und Dächern.

Bisher wurden ein Innovationszentrum und ein Gemeindehaus in der Region mit Seegras isoliert. Das ging nur mit Sondergenehmigung, weil das Wärmewunder sich noch in der Pilotphase befindet und beim Deutschen Institut für Baustofftechnik auf seine Zulassung als Dämmstoff wartet.

Bernd Anders sucht derweil nach einem privaten Unternehmen, das später die Recyclinganlage übernimmt. "Die Nachfrage nach natürlichen Dämmstoffen wächst, und die Gemeinden wollen das Seegras so günstig wie möglich loswerden", sagt Anders. "Das Recycling ist deshalb in der Region nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich interessant."

Tatsächlich weckt das Projekt in deutschen und ausländischen Küstenorten große Neugier. Viele Gemeinden haben Anders ihren Seegrasentsorgungsbedarf gemeldet. Das Touristenbüro der dänischen Urlaubsinsel Møn ist bereits als Partner in das Projekt eingestiegen und arbeitet an einer eigenen Seegrasmattenproduktion. Und das französische Forschungsinstitut Ceva prüft, ob sich der Strandabfall nicht noch anderweitig verwerten ließe - zum Beispiel in Kosmetika.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%