Web-Branche ist schneller als die Konzerne
Internet aus der Steckdose

Stromanbieter beschwören seit Jahren die Möglichkeiten des Internets aus der Steckdose. Aber die Web-Branche ist schneller als die Konzerne: Ihre Technik wird nicht mehr gebraucht.

DÜSSELDORF. Siegessicher geben sie sich, selbstbewusst und ziemlich optimistisch. "Wir sind zuversichtlich, mit Powerline im Frühjahr starten zu können", sagt Michaela Roth, Sprecherin des Powerline-Technologie Oneline AG, -Anbieters einer mehrheitlichen Tochter des Versorgungskonzerns Eon.

Doch ob aus dieser Zuversicht Realität wird, ist einigermaßen fraglich: Bereits seit Jahren verkünden Energieversorger und ihre Technikpartner die unmittelbar bevorstehende Einführung einer Technik, die einen schnellen Internet-Zugang und Telefonate per Elektrokabel verspricht: Powerline.

Es drängt sich aber der Eindruck auf, dass die verheißungsvollen Ankündigungen vor allem ein Ziel hatten: die Pflege des Aktienkurses der Stromkonzerne. 2 % Minus - schon flatterte eine neue Meldung über Powerline aus irgendeiner Konzernzentrale in Deutschland.

Jetzt hat sich die Situation geändert: Den Energieversorgern rennt die Zeit davon. Wenn Powerline nicht schnell kommt, wird die Technik als Internet-Verbindung niemand mehr hinter dem Ofen hervorlocken - Unternehmenskunden schon gar nicht.

Der Countdown läuft, weil andere leistungsstarke Techniken weiter entwickelt sind: So genannte DSL-Varianten sind bereits am Markt und bedienen sich herkömmlicher Telefon-Kupferkabel. TV-Kabelnetzbetreiber wollen das Fernsehkabel als Multimedia-Tor ausbauen. Und der Richtfunk WLL (Wireless Local Loop), also Funk zur Überbrückung der "letzte Meile", ist bereits im Angebot. Die Technik gilt als gute Alternative für Gebiete, in denen feste Breitbandverbindungen nicht verfügbar oder nur teuer zu verlegen sind. Im selben Marktumfeld wollen sich die Energieversorger mit ihrer Powerline Communication (PLC) zusätzlich etablieren. Ihre Vision: Die Steckdose wird zur Kommunikationsschnittstelle. PLC soll einen permanenten Anschluss ans Internet garantieren und dies ohne komplizierte Einwahl. Vielfältige Mehrwertdienste, wie die vernetzte Verkabelung innerhalb von Gebäuden, gehörten ebenfalls dazu.

Der Vorteil von Powerline: Zusätzliche Anschlüsse in Haushalten und Büros müssten nicht gelegt werden - Steckdosen sind schließlich überall. Deswegen berge die Technologie ein "großes Marktpotenzial", behauptet der Powerline-Experte Andreas Preuß vom Essener Energieriesen RWE.

Für die Energieversorger hat PLC einen unwiderstehlichen Reiz: Sie können ihre bestehenden Stromleitungen mit relativ geringem Aufwand für den Zugang zum Internet, aber auch für den Telefondienst aufrüsten und sich damit ein ganz neues Kundenfeld erschließen. RWE-Vorstandschef Dietmar Kuhnt bezeichnet PLC denn auch als "wichtige Innovation für das Kerngeschäft".

PLC-Technologieanbieter wie die schweizerische Ascom AG, Siemens und die Oneline AG geben sich zuversichtlich, dass der Termin der Markteinführung Frühjahr 2001 - Dreh- und Angelpunkt des Termins ist die Computer-Messe Cebit in Hannover - eingehalten werden kann.

Vor allem Vorreiter Ascom, der in Deutschland mit RWE zusammenarbeitet, versprühte in den vergangenen Wochen wieder ungetrübten Optimismus. "Die Zeit ist jetzt reif für Powerline", sagt Heinz Ranner, Vorstand für Services und Content bei Ascom Powerline Communications. "Wir arbeiten derzeit mit 16 Energieversorgern in 11 europäischen Ländern sowie in Singapur und Hongkong an gemeinsame Projekten."

An diesen Tests seien weltweit 350 private und 150 gewerbliche Nutzer beteiligt. 1 200 Powerline-Geräte würden dabei eingesetzt. "Die zuverlässig erreichte Datenübertragungsrate liegt in der ersten Geräte-Generation bei 3 Megabit pro Sekunde", sagt Ascom-Manager Ranner.

Der Haken: Die Bandbreite nimmt mit der Zahl der Nutzer ab. "Wenn bei einer Übertragungsrate von 3 Megabit nur 30 User diese Menge gleichmäßig nutzen müssen, hat jeder nur 100 Kilobit in der Sekunde für seine Anwendung", erläutert Martin Gebhardt vom Institut für Industrielle Informationstechnik der Uni Karlsruhe. Damit wäre der Powerline-Anschluss gerade mal etwas schneller als ein einfacher ISDN-Anschluss.

Video über das Internet? In Fernsehqualität noch dazu? Das wird so nicht möglich sein, denn dafür wäre ein konstanter Datenstrom von etwa 10 Megabit pro Sekunde nötig. "Für Video auf Abruf über Powerline sehe ich wenig Zukunft", erklärt denn auch Professor Klaus Dostert von der Karlsruher Universität.

Die PLC-Experten von Ascom planen beispielsweise auch erst für die nächste Generation von Powerline-Endgeräten einen Datenfluss von 10 Megabits je Sekunde. Wenn die Apparate marktreif sind, werden sich damit - heruntergerechnet auf einen Anwender innerhalb eines Hauses - jedoch nur noch solche Internet-Nutzer zufrieden geben, die keine hohen Ansprüche stellen.

Ein anderes Problem bei Powerline sind die noch ausstehenden Genehmigungen von Frequenzen durch die Regulierungsbehörde. "Wir rechnen damit, die Genehmigung Ende des Jahres oder Anfang des kommenden Jahres zu erhalten", sagt RWE-Mann Preuß.

Das Hindernis: Ab einer bestimten Sendeleistung störte bislang die Übermittlung von Sprache und Daten über Stromkabel andere Funkdienste. Technisch betrachtet entwickelt sich das Stromkabel nämlich durch die Powerline-Technik zu einer Antenne. Verbindliche Grenzwerte für die Stärke solcher Störfelder gibt es jedoch noch nicht. Darüber hinaus hat die Regulierungsbehörde kaum Spielraum: Die benötigten Frequenzen sind zurzeit noch alle belegt.

Die Mainzer Beamten reagieren derweil auf die Forderungen der Powerline-Entwickler gelassen. "Wir spielen den schwarzen Peter für die", sagt Harald Dörr von der Regulierungsbehörde. Dabei stehe seine Behörde der Powerline-Technik grundsätzlich positiv gegenüber.

Vor einigen Wochen hat das Amt einen Fragebogen an alle potenziellen Powerline-Anbieter geschickt, um zu erfahren, wie das Marktpotenzial von Powerline gesehen wird. Für die Behörde sei dies ein "Übersichtsgewinn", wie Dörr erklärt. Die Auswertung soll bis Weihnachten geschehen, "und dann wird man sehen".

Es bleibt also spannend. Die Vorstellung, einen Hochgeschwindigkeits-Internet-Zugang über das Stromkabel bis in die Gartenlaube zu legen, ist verführerisch - keine Frage. Aber: Hat sich die Technik überholt, bevor sie auf den Markt gelangt? Oder kann Powerline auch Anforderungen der nächsten Breitbandanwendungen erfüllen? Die Technologie-Anbieter und Energiekonzerne sagen lautstark "Ja" - doch an bloßen Versprechungen ist man von dort bereits Einiges gewöhnt.

Internet-Adressen:

www.plcforum.com

Internationaler Zusammenschluss der Powerline-Anbieter mit vielen Hintergrundinformationen zur Technik.
www.rwe-powerline.de Aktivitäten aus Essen.
www.oneline.de Technologietochter von Eon.
www.siemens.de/plc Siemens ist auch dabei

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