Web Services
Große Worte und wenig dahinter

Das neue Dot-Net-Programm von Microsoft bezeichnen Experten eher als Evolution denn als Revolution. Viele Versprechungen wurden bislang nicht erfüllt. Nun will Microsoft die zweite Phase seines Projektes vorstellen.

HB DÜSSELDORF. Wie von Geisterhand wechselt der elektronische Bilderrahmen auf dem Kaminsims der Großeltern das Motiv; ein Student sitzt auf einer Wiese und kritzelt eifrig mit einem elektronischen Stift auf einem Tablett-PC. So einfach und idyllisch stellte Microsoft in Videos die Zukunft von Computer und Internet dar - vor zwei Jahren.

Damals, am Ende des Dot-com-Booms, kündigte der Softwaregigant vollmundig an, sein Geschäftskonzept mit Hilfe einer neuen Internet-Strategie namens ".Net" (sprich: Dot-Net) völlig umzustellen. In rührseligen Fernsehspots versprach Microsoft-Gründer Bill Gates "eine neue Generation" von Software, die "ihre Stimme versteht, ihre Wünsche errät, ihre Privatsphäre schützt und sie mit dem Internet verbindet, wo immer sie auch sind". Am kommenden Mittwoch will der Konzern Phase zwei des Projektes vorstellen.

Grund zur Beschwerde

Für die Nutzer gibt es derweil einen wesentlichen Grund zur Beschwerde: Kaum eine Versprechung ist in Phase eins Realität geworden. Kürzlich, bei einer weiteren hochkarätigen Dot-Net-Lehrstunde von Bill Gates, lamentierten einige der anwesenden Analysten, sie warteten immer noch, dass die Revolution endlich beginne. "Ich frage mich, wie viel Zeit die auf etwas verwenden können, das gar nicht wirklich existiert", sagte Drew Brosseau, Analyst von SG Cowen.

Sicher, einige Grundbausteine der Technologie hat Microsoft bereits veröffentlicht. Gemeinhin werden sie "Web Services" genannt. Die meisten waren geheimnisvolle Entwicklungen, die den Unternehmen helfen sollen, ihre Geschäftsprozesse zu automatisieren - oft durch Produkte, deren Planung begonnen hatte lange bevor der Ausdruck "Dot-Net" in der ersten Präsentation erschien. Der Versuch einer Entwicklung von Dot-Net-Diensten für Privatpersonen - etwa das automatische Einfügen von Reiseinformationen aus dem Internet in elektronische Terminkalender - wird gerade überarbeitet. Die potenziellen Partner für ein solches Angebot hatten Bedenken, Microsoft ihre Kundendaten zu überlassen.

Große Hoffnungen in das Dot-Net-Programm gesetzt

Dabei hatte der Konzern große Hoffnungen in das Dot-Net-Programm gesetzt: Es sollte die vermeintlich bröckelnden Erlöse der in die Jahre gekommenen Kerngeschäfte ersetzen. Doch eben diese traditionellen Geschäfte, die Microsoft zu dem machten, was es jetzt ist, zeigen erstaunlich wenig Ermüdungserscheinungen. Sie verhalfen dem Konzern auch in den vergangenen Quartalen zu kräftigem Wachstum bei Gewinnen und Umsatz, während die Konkurrenz teilweise von hohen Verlusten und Entlassungen berichtet.

Auf den Durchbruch der als neuer Wachstumsmotor gerühmten Web Services warten die Marktbeobachter vergebens. Und die Euphorie nimmt spürbar ab: "Web Services mögen eine wichtige Revolution sein, aber es ist keine Revolution, die dieses oder nächstes oder übernächstes Jahr stattfinden wird", sagt etwa Al Gillen, Analyst beim Marktforscher IDC.

Plattformunabhängige Netz-Anwendungen

Die Konfusion um Dot-Net vereinfacht die Situation nicht. Bis heute ist nicht klar: Was ist das eigentlich? Die Strategie entstand zum Teil aus einem für Microsoft beunruhigendem Trend: Ende der 90er Jahre begannen die Softwareentwickler, Programme zu schreiben, die nicht mehr ausschließlich auf einem bestimmten Betriebssystem wie Windows liefen. Stattdessen entwickelten sie Netz-Anwendungen - so genannte Web Applications - die praktisch auf jeder Kombination von Rechnern laufen können.

Microsoft reagierte. Der Konzern will der erste sein, der das Internet auf ein neues Niveau hebt. Die Vision: Internet-basierte Programme tauschen Informationen aus und arbeiten zusammen ohne menschliche Hilfe. Mit einem neuen Standard, XML ("extensible markup language"), so hoffen Microsoft & Co., wird die Kommunikation zwischen den Rechnern viel einfacher.

Microsoft habe große Anstrengungen unternommen, die neue Computersprache einzusetzen, sagt Charles Fitzgerald, General Manager des Konzerns. Und selbst einige der ärgsten Kritiker erkennen an, dass der übermächtige Softwae-Entwickler einen solchen branchenweiten Standard übernommen hat. Kürzlich stellte das Unternehmen eine Technologie vor, die die Verbindung von Dot-Net-Anwendungen mit Datenbanken des Rivalen Oracle Corp. erleichtern soll.

Neue Offenheit hat einen Haken

Die neue Offenheit gegenüber der Konkurrenz hat aber einen Haken: Zwar soll die Software Daten mit den Programmen der Wettbewerber austauschen, aber sie funktioniert nur auf Servern mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows. Und viele Firmen zögern immer noch, solche Geräte zu installieren, weil sie Angst haben, Opfer von Hackern zu werden. Um solchen Bedenken zu begegnen, hat Microsoft inzwischen 100 Mill. $ investiert, um die Sicherheitsvorkehrungen in den Programmen zu überarbeiten. Die Folge war ein zweimonatiger Stopp für die Entwicklung neuer Windows-Versionen.

Wenn Microsoft am kommenden Mittwoch die zweite Phase seiner Dot-Net-Strategie vorstellt, erhoffen sich Analysten vor allem Neuigkeiten über die bessere Kompatibilität mit Konkurrenzsoftware, etwa dem Betriebssystem Unix des Erzrivalen Sun Microsystems Inc.

Eher Evolution denn Revolution

Doch Analyst Gillen und einige Kollegen sagen inzwischen, die Web Services sind vielleicht eher eine Evolution denn eine Revolution. Und sie zweifeln, dass darauf ein Durchbruch entsteht, der neue Computer-Nutzer anzieht oder nennenswerte neue Märkte schafft.

Microsoft-Kunden wie Reynolds & Reynolds Co., ein Technologie-Zulieferer der Autoindustrie, loben, dass Visual Studio und die Server-Software des Konzerns vorgefertigte Bausteine liefern, um in effizienter Weise neue Produkte zu kreieren - etwa Software für Händler zum Verkaufsmanagement. Seine Software-Entwickler sorgen dafür, dass "der Kram in der realen Welt funktioniert", sagt Reynolds & Reynolds-Manager Randy Harvey.

Trotzdem haben sich nur wenige Firmen beeilt, ihre alte Software wegzuschmeißen und Dot-Net-Programme zu installieren - und das liegt nach Ansicht der Analysten nicht nur an der Wirtschaftsflaute. Weil die meisten Dot-Net-Technologien nur Bausteine sind, aus denen die Firmen ihre interne Software zusammenbauen, gibt es keinen "greifbaren Markt", den man abschätzen könnte, sagt Analyst Gillen.

Noch mehr zur Verwirrung trägt Microsofts derzeitige Angewohnheit bei, an alles, was aus seinen Laboren kommt, ein ".Net" anzuhängen. Dazu Rob Enderle, Analyst beim Marktforscher Giga Group: Er erwarte in Kürze, an den Toilettentüren auf dem Microsoft-Campus Schilder mit der Aufschrift "Men.Net" und "Women.Net" .

Da die Internet-Blase geplatzt ist, sind die Dot-Net-Pläne von Microsoft nach Ansicht der Marktbeobachter längst nicht mehr so dringend wie vor zwei Jahren. Es ist zum Beispiel kein Unternehmen in Sicht, das eine Internet-basierte Alternative zu Microsofts Cash-Cow, der Bürosoftware Office, entwickelt. Analyst Brosseau fasst zusammen: "Niemand bedroht sie."

Quelle: Handelsblatt

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