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Sportsgeist Während sich im deutschen Wahlkampf noch die Fronten bilden und jeder jedem gegenüber sein Terrain absteckt, geben deutsche Politiker im Ausland schon mal die Marschrichtung vor.

Sportsgeist

Während sich im deutschen Wahlkampf noch die Fronten bilden und jeder jedem gegenüber sein Terrain absteckt, geben deutsche Politiker im Ausland schon mal die Marschrichtung vor. Otto Schily zum Beispiel, ältester und zugleich dienstältester Minister, der es dennoch wieder "richtig wissen" will, hatte kürzlich Zeit ins schweizerische Thun zu reisen. Dort im Berner Oberland, wo sich die Seen malerisch durch die Aare miteinander verbinden und das Junfraujoch in den Himmel grüßt, tagte das Swiss Economic Forum - der kleine Ableger des großen World Economic Forums im eidgenössischen Davos.
Schily kam an Hans Eichels Stelle. Der Mann für die Sicherheit ist derzeit offenbar abkömmlicher als der Mann für Finanzen. Er räsonierte über innere Sicherheit als Standortfaktor und schwenkte gerade als er sein Publikum tödlich zu langweilen begann in den heimischen Wahlkampf über. Natürlich sehe er eine Chance für die Roten. Die hat allerdings weniger mit Umfragen und Inhalten zu tun als mit Sportsgeist, ließ Schily durchblicken. Als Vorbild dient ihm nämlich das jüngste Fußballmatch zwischen Milano und Liverpool. Die Roten (Liverpoll) lagen drei zu null gegen die Schwarzen (Mailand) hinten. Dann kam die Aufholjagd, das Elfmeterschießen und der Sieg. Schily ließ in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge durchsickern, dass er eine Wiederholung des sportlichen Ereignisses auf politischer Ebene für möglich halte.
Was der Trainer den Roten in der Pause zugeflüstert haben musste, war Schily allerdings auch nicht recht klar. Wahrscheinlich wäre es deswegen das beste, wenn sich der Kanzler selbst entsprechenden Rat beim Liverpooler Antreiber einholte.


Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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