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Visionäre Eidgenossen Von Oliver Stock Hatten Sie schon einmal eine "Visiun"? Nein?

Visionäre Eidgenossen

Von Oliver Stock

Hatten Sie schon einmal eine "Visiun"? Nein? Dann liegt das daran, dass Sie nicht im rätoromanischen Teil der Schweiz leben - jenem Landstrich in den Hochalpen, in dem rund ein Prozent der Eidgenossen ihre Heimat haben. Sie sprechen rätoromanisch, eine Mischung aus italienisch, Latein und Deutsch. eine Sprache, die selbst im eigenen Land die wenigsten verstehen. Seit einigen Wochen allerdings haben sich die Rätoromanen verständlich gemacht, unüberhörbar gerade zu. Und das liegt an ihrer "Visiun".

"Visiun" heißt auf deutsch ganz einfach "Vision" und bezieht sich im Fall der Rätoromanen auf ein Projekt, das diesen Namen wirklich verdient: Unterhalb des Gotthardmassivs wird derzeit gerade der mit 52 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt gegraben. Er soll in zehn Jahren fertig sein und ist gespickt mit Superlativen. Aufwand, Länge und Baukosten sind rekordverdächtig. Damit es schneller geht, graben sich die Schweizer nicht einfach nur von zwei Seiten durch den Berg und treffen sich in der Mitte, sondern sie haben etwa auf halber Strecke einen sogenannten "Zwischenangriff" gebaut: einen 800 Meter tiefen Schacht, der vom rätoromanischen Sedrun ins Massiv des Gotthards gebohrt wurde und von dessem unteren Ende an nun ebenfalls gebuddelt wird. Dieser Schacht ist Ausgangspunkt einer Vision, die sich wunderschön lateinisch "Porta Alpina" nennt. Konkret stellen sich die Rätoromanen vor, dass der Schacht später einmal mit einem pfeilschnellen Fahrstuhl ausgerüstet wird, dass unten ein Bahnhof entsteht, auf dem Elektrobusse die Passagiere vom Fahrstuhl zum stündlich verkehrenden Zug nach Zürich oder Mailand bringen - und dass die rätoromanische Schweiz auf diese Weise einen noch nie dagewesenen touristischen Auftrieb erlebt.

Die wackeren hochalpinen Eidgenossen haben diesen Plan mit solchem Feuereifer bei der Regierung in Bern vorgetragen, dass von dort grünes Licht für weitere Voruntersuchungen gekommen ist. Inzwischen gibt es sogar eine Vorstellung, was der Spaß kostet. Mehr als 25 Mill. Euro zusätzlich seien gar nicht nötig, heißt es aus Sedrun. Das ist vergleichsweise wenig. Nicht nur wenn man die Milliarden, die der neue horizontale Tunnel verschlingt, dagegen hält, sondern auch wenn man dagegen hält, was es beudeutet, endlich wieder eine Vision zu haben. Etwas, auf das sich hinarbeiten lässt. In den heutigen Zeiten. Und da macht es gar nichts, wenn das ganze nur eine "Visiun" ist, finde ich.

Oliver Stock
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Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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