Wechsel an Allianz-Spitze
Allianz: Vom größten Versicherer zum Übernahmekandidaten

Der Aufstieg der Allianz zum Allfinanzkonzern ist ins Stocken geraten.

MÜNCHEN. Die Allianz stieg in den vergangenen Jahren zum weltgrößten Versicherungskonzern auf. Erklärtes Ziel der Münchener ist die Entwicklung zum Allfinanzkonzern mit Versicherungen, Vermögensverwaltung und Bankgeschäft.

Erst wurde der zweitgrößte französische Versicherer AGF übernommen, dann kam der Sprung über den Atlantik mit dem Kauf der amerikanischen Vermögensverwalter Pacific Investment Management Co. (Pimco) und Nicholas Applegate. Auch in Osteuropa und Asien ist die Allianz stark. Ihre mächtigen Manager verwalten ein Vermögen in Höhe von mehr als der Hälfte des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Das Unternehmen verfügt über ein riesiges Beteiligungs-Portfolio mit maßgeblichen Beteiligungen an großen Unternehmen des Deutschen Aktienindex (Dax) wie der Münchner Rück, BMW, Daimler-Chrysler, Deutsche Bank und Eon. Praktisch keine große Fusion in Deutschland geht über die Bühne, ohne dass die Allianz mitredet. Auch im Ausland zieht sie die Fäden - etwa bei der französischen Großbank Crédit Lyonnais (CL). Die genossenschaftliche Crédit Agricole will die CL-Anteile der Allianz in Höhe von 10 % übernehmen. Analysten taxieren den Wert aller Allianz-Beteiligungen auf knapp unter 40 Mrd. Euro.

Der Aktienkurs stieg bis zum Frühjahr 2000 über 400 Euro. Dazu kam der Börsengang in den USA. Um die globale Präsenz der Marke Allianz zu stärken, stieg der sonst sehr zurückhaltende Konzern sogar ins Sportsponsoring ein. Das Allianz-Logo prangt auf den Formel- 1-Wagen von BMW Williams. Und das neue Mega-Stadion der Münchener Vereine FC Bayern und 1860 wird Allianz-Arena heißen.

Doch der Glanz des Konzerns mit der vornehmen Firmenzentrale direkt am Englischen Garten in München beginnt zu verblassen. Die Schwäche am Kapitalmarkt macht der Allianz zu schaffen. Hinzu kommen milliardenschwere Wertberichtigungen im US-Geschäft. Auch die Anschläge auf das World Trade Center kosteten den Versicherer Milliarden. Die über 25 Mrd. Euro teure Übernahme der Dresdner Bank, die den Aufstieg zum Allfinanz-Konzern bringen soll, entpuppt sich als Milliarden-Grab. Und auch das Geschäft mit den Industriekunden lief schlecht.

Zuletzt spitzte sich die Lage weiter zu: Die US-Tochter Fireman?s Fund geriet vor allem wegen Vorsorgemaßnahmen für riesige Asbest- Schäden in Amerika in die roten Zahlen. Der Münchner mussten 762 Mill. Euro Kapital nachschießen. Im August kam die Jahrhundertflut in Bayern und Ostdeutschland dazu, für die der Versicherer tief in die Tasche greifen musste. Der Schaden betrug über 660 Mill. Euro.

Seit zwei Jahren ist der Aktienkurs - von kleineren Zwischenhochs abgesehen - auf Talfahrt. Die Aktie verlor 75 %. Das Unternehmen ist jetzt an der Börse statt über 100 Mrd. Euro nur noch rund 25 Mrd. Euro wert. Die Allianz-Aktie hat ihr Ansehen als Witwen- und Rentenpapier eingebüßt. Wegen der niedrigen Bewertung wird der Konzern bereits als Übernahmekandidat gehandelt. Vor einem Jahr wäre so etwas undenkbar gewesen.

Vorläufiger Höhepunkt der Krise war der höchste Quartalsverlust in der Geschichte des Konzerns. Im dritten Quartal dieses Jahres verlor die Allianz 2,5 Mrd. Euro. Allein für die Abschreibungen auf Kapitalanlagen musste die Allianz 1,7 Mrd. Euro aufbringen. In den ersten neun Monaten zusammen lag der Verlust noch bei 0,9 Mrd. Euro.

Bei der Vorstellung der Quartalszahlen sagte Schulte-Noelle allerdings, dass der Tiefpunkt der Entwicklung hinter der Allianz liege. Im Stammgeschäft Versicherungen ist die Allianz weiterhin erfolgreich. Die Bruttobeitragseinnahmen stiegen von Juli bis September um knapp 12 %. Den Kunden der Lebensversicherungen kürzte der Konzern zuletzt die Überschussbeteiligung. Ob die Allianz im laufenden Quartal wieder in die Gewinnzone komme, ließ der Konzernchef offen.

Seit längerem hat die Allianz angekündigt sich von ihren Industriebeteiligungen zu trennen. Doch außer der Entflechtung mit der Münchner Rück und der Hypo-Vereinsbank im Zuge der Dresdner- Übernahme ist nicht viel passiert. Ein Grund: Angesichts der Kapitalmarktschwäche sind die Preise zu niedrig. Derzeit läuft ein Pokerspiel um das Aktienpaket, das die Allianz an dem Hamburger Nivea-Hersteller Beiersdorf hält. Wie so oft hält die Allianz die Trümpfe in der Hand und lässt die Interessenten Tchibo und Procter & Gamble den Preis nach oben treiben. Allein das Paket an Beiersdorf wird auf 5,5 Mrd. Euro taxiert. Beim Maschinenbau-Konzern MAN verfügt die Allianz indirekt über knapp ein Drittel der Aktien. Bislang war die Allianz aber noch zu keinen Notverkäufen gezwungen

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