Wechsel an Allianz-Spitze
Schulte-Noelle: Der Stoiker auf dem Chefsessel gibt auf

Der scheidende Vorstandschef Schulte-Noelle hat die Allianz in die Weltspitze geführt.

FRANKFURT/M. Über Macht redet man nicht, Macht hat man. Henning Schulte-Noelle mochte das hässliche M-Wort nie. Der Mann, der im April seinen Posten an der Spitze der Allianz räumt, bevorzugte stets die Vokabel "Einfluss", und den übte er am liebsten im Verborgenen aus. Disziplin, Selbstbeherrschung, Nüchternheit, Fleiß, es sind vor allem preußische Tugenden, die den geborenen Rheinländer mit dem markanten Schmiss auf der Wange auszeichnen.

Bei aller öffentlich geübten Bescheidenheit, viele Fäden der deutschen Wirtschaft laufen doch in der Hand des 60jährigen promovierten Juristen zusammen, der von allen deutschen Managern angeblich am schnellsten im Kanzleramt zum Regierungschef durchgestellt wird. Dieser "Einfluss" hat handfeste Gründe. Von ihrer Konzernzentrale in der Münchner Königin-Straße aus verwaltet die Allianz ein gewaltiges Vermögen von rund einer Billion Euro. Dazu kommen Beteiligungen an zahlreichen Großkonzernen. Allein Schulte-Noelle sitzt im Aufsichtsrat von sieben im Deutschen Aktienindex (Dax) vertretenen Unternehmen.

Unter seiner Ägide stieg die Allianz durch mehr als 50 Übernahmen zu einem der weltweit größten Finanzkonzerne mit 150 000 Beschäftigten in 70 Ländern auf. Erst trieb Schulte-Noelle die Expansion im Versicherungsgeschäft voran, dann kaufte er sich in die Topklasse der Vermögensverwalter ein. Die Liste der Zukäufe ist lang und umfasst so große Adressen wie AGF in Frankreich, Cornhill in Großbritannien oder Pimco in den USA.

Mit seiner Zurückhaltung verkörpert der Manager die Allianz-Kultur wie kein Zweiter. Dabei hat Schulte-Noelle den Sprung auf den Chefsessel erst im zweiten Anlauf geschafft. Eigentlich hatte der damalige Allianzchef Wolfgang Schieren den Ex-McKinsey-Berater Friedrich Schiefer als Nachfolger auserkoren. Doch drei Monate vor dem geplanten Wechsel im Oktober 1991 verzichtete Schiefer auf den Posten und kehrte der Allianz den Rücken. Schulte-Noelle rückte nach. Als er das Ruder übernahm, litt der Konzern unter den Folgen von Naturkatastrophen, unter Währungsturbulenzen und Anlaufverlusten in Ostdeutschland. Die Allianz musste Stellen streichen.

Jetzt scheint sich der Kreis zu schließen, der Konzern ist erneut ins Schlingern geraten. Elf Jahre nach seinem Amtsantritt hat den kühlen Strategen Schulte-Noelle das Glück verlassen. In den ersten neun Monaten 2002 lief bei der Allianz ein Verlust von knapp einer Mrd. Euro auf. Die teure Übernahme der Dresdner Bank entpuppte sich als gigantischer Verlustbringer. Dazu kommen Probleme im Stammgeschäft: Rote Zahlen in der Industrieversicherung und bei der US-Tochter Fireman?s Fund, hohe Schäden aus den Terroranschlägen in New York und den Überschwemmungen in diesem Sommer. Im Lebensversicherungsgeschäft leidet die Allianz unter der Dauerbaisse an den Börsen.

Jetzt gibt Schulte-Noelle auf. Dabei passt das gar nicht zum pflichtbewussten Manager, der die Philosophie der Stoiker schätzt. Eigentlich wollte er doch allen Kritikern seines Allfinanzkonzeptes beweisen, dass die 25 Mrd. Euro, die sein Haus für die Dresdner bezahlt hat, keine Fehlinvestition waren. Immer wieder hat er betont, dass er den Zukauf nicht einen Tag lang bereut habe.

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