Weg mit dem Kabel-Gewirr
Allen Unkenrufen zum Trotz: Bluetooth lebt

Die Bluetooth-Nachrufe waren schon geschrieben, der Trauerzug der IT-Gemeinde hatte sich versammelt, die Beerdigung konnte beginnen: "Wir trauern heute um eine Technologie, die uns zum guten Freund hätte werden können, hätte sie uns doch vom ewigen Kabelgewirr befreit ..." Das war zu früh, denn Bluetooth lebt. Der Funkstandard zum drahtlosen Verbinden von Geräten auf kurze Entfernung ist wieder Thema auf der CeBIT.

Schon im vergangenen Jahr war Bluetooth ein heißes CeBIT-Thema. Doch der Versuch, in einer kompletten Halle ein Bluetooth-Netz aufzubauen, scheiterte kläglich: Das Netz brach zusammen - für hämische Schlagzeilen der Fachpresse war gesorgt.

Nun soll alles besser werden: Nach einer Verzögerung von zwei Jahren und zahlreichen gebrochenen Versprechen tauchen die ersten Geräte namhafter Lieferanten nicht nur auf - sie werden bei den Handelsriesen wie Saturn und Media Markt auch aktiv beworben.

Das wichtigste Zeichen eines Durchbruchs für Bluetooth kommt aus dem Software-Lager. Microsoft versprach, den Kurzfunkstandard in der nächsten Version von Windows XP, die im Sommer dieses Jahres fällig sein wird, zu berücksichtigen. Noch zu Beginn des vergangenen Jahres hatten Chef-Software-Architekt Bill Gates und seine Entwickler Bluetooth fast den Todesstoß versetzt: Die Technologie sei zu jung - man werde sie nicht unterstützten.

Dabei kann die nach dem Dänenkönig Harald Blauzahn benannte Technik im Maßstab der Elektronikindustrie nicht gerade als jung bezeichnet werden. Entwickler von Ericsson zeigten bereits im Jahre 1994 erste Pläne und Muster für ihren Einsatz. Sie hatten dabei vor allem eine kabellose Verbindung zwischen Handy und Freisprecheinrichtungen im Sinn.

1999 schlug die Bluetooth Special Interest Group vor, die Technik auch in "Personal Area Networks" einzusetzen, von denen vor zwei Jahren die Rede war. Dabei dachte man vor allem an die Verbindung der handtellergroßen Palmcomputer untereinander und zum PC auf dem Schreibtisch. Das umständliche Synchronisieren über eine Andockstation wäre dann nicht mehr nötig gewesen.

Ein schöner Traum - wie so viele Ideen im Zusammenhang mit Bluetooth. Doch den großen Visionen folgten zu wenige Produkte: Das Interesse der Verbraucher wurde geweckt - und nicht befriedigt, denn zu kaufen gab es nichts.

Dies wurde Bluetooth fast zum Verhängnis, da sich parallel eine trocken IEEE 802.11 genannte Technik mit zahlreichen Produkten auf dem Markt breit machte (siehe S. 17): Der Wireless LAN genannte Ansatz ist die konsequente Weiterentwicklung der etablierten Kabelvernetzung von lokalen Netzen (Local Area Networks - LAN) - nur eben ohne Kabel.

Da Bluetooth und Wireless LAN (WLAN) das lizenzfreie Frequenzband von 2,4 Gigahertz benutzen, kam es rasch zu Problemen durch Überlappungen und Funkstörungen. Allerdings macht WLAN den reiferen Eindruck, so dass viele Experten mit dem Aus für Bluetooth rechneten. Seit Herbst vergangenen Jahres deutet jedoch vieles auf eine Koexistenz beider Techniken hin - wenn es gelingt, die Störungen zu beseitigen.

Simon Ellis ist optimistisch: "Ich bin überzeugt, wir schaffen es", sagt der Vorsitzende der Marketing-Abteilung der Bluetooth Special Interest Group. Für die Wiedergeburt von Bluetooth spricht auch eine in den vergangenen Wochen veröffentlichte Studie der Marktforscher von Frost & Sullivan: Sie errechneten, dass schon im vergangenen Jahr 1,2 Millionen mit Bluetooth- Schnittstellen ausgerüstete Geräte in einem Wert von 862 Mill. $ ausgeliefert worden seien. Diese Zahl soll bis 2007 auf 1 Milliarde Geräte und einen Umsatz von 318 Mrd. $ klettern.

Derzeit zeichnen sich zwei Einsatzfelder ab, für die der Bluetooth-Standard besonders geeignet zu sein scheint: Die Verbindung zwischen Handy und Freisprecheinrichtung oder Mobiltelefon und Palm-Computer sowie der Datenaustausch zwischen digitalen Kameras und PC oder Fotodrucker. Dies belegten auch die Produkte, die auf den großen US-Messen Comdex (November) und Consumer Electronic Show (CES) Anfang Januar, beide in Las Vegas, zu sehen waren.

Als federführender Entwickler für Bluetooth hatte Ericsson als erster und lange Zeit einziger Handy-Hersteller ein Bluetooth-Telefon auf dem Markt. Konkurrenten wie Motorola oder Sony haben mittlerweile aber mit eigenen Produkten reagiert. Ericsson-Kooperationspartner Sony will nach jüngsten Meldungen zusammen mit den Schweden sechs Millionen Blauzahn-Handys auf den Markt werfen.

Bei den Druckern ist das neue Modell 995c von Hewlett-Packard auf der CeBIT zu beachten, das mit einer Bluetooth-Schnittstelle ausgerüstet ist. Drucken ohne PC, also direkt aus den Speichern der Kameras, ist eine der wichtigsten Herausforderungen für HP.

Von den PC-Herstellern haben IBM und Toshiba als erste begonnen, Bluetooth-Chips in ihre Notebooks zu integrieren. Doch nur Blauzahn reicht ihnen nicht: Der Trend geht zum Doppelanschluss mit Bluetooth-Schnittstelle und einer weiteren für Wireless LAN. Interessante Angebote für Bluetooth- Schnittstellen kommen auch aus anderen Branchen. So will der Auto-Gigant Ford Bluetooth in Modellen der gehobenen Klasse einsetzen, die in diesem Jahr auf den Markt kommen. Klar ist: Bluetooth zeigt wider Erwarten deutliche Lebenszeichen.

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