Weg zurück in Weltspitze ist mühsam
Einfach gut aussehen

Jan Ullrich hat sich wieder Respekt verschafft.Der gefallene und schließlich aufgestandene Radheld überraschte die Konkurrenz mit einem gelungenen Comeback. Dennoch blickt er bei seinem aktuellen Arbeitgeber einer ungewissen Zukunft entgegen.

LÜTTICH. Frisch geduscht ist er. Die Baseballmütze hat er tief ins Gesicht gezogen. Die Strapazen des anstrengenden Ardennen-Klassikers verbirgt Jan Ullrich hinter einem zufriedenen Lächeln. Er fühlt sich wohltuend müde und rechtschaffen kaputt. Erstmals seit zwanzig Monaten spürt der neue Kapitän des Radteams Coast wieder 260 schwere Kilometer eines Weltpokalrennens in den Beinen - eine quälende Distanz über kräftezehrende Berge, bei ungemütlicher Nässe, mit einem hohen Schlusstempo, das der siegeshungrige Lance Armstrong in der letzten Dreiviertelstunde vorlegte.

Der Sieg eine Woche zuvor in Köln war nur etwas fürs Glücksgefühl. Da fehlten die Konkurrenz und 60 harte Kilometer. Die Bravour bei Lüttich-Bastogne-Lüttich aber dient der Selbstbestätigung. Die Weltelite war fast vollzählig am Start. Wenn er nach 14 Monaten Rennpause und nach nur drei Wochen Rennpraxis zum Schluss noch nicht mithalten konnte, wundert ihn das nicht. "Die Rennhärte fehlt noch", sagt er. "Die letzten 30 Kilometer waren für mich zu lang, der letzte Berg zu viel." Eine Frage der Kraft. An der Schlüsselsteigung Cote de la Redoute verlor er den Anschluss, kämpfte sich aber zurück. Eine Sache des Willens.

Ullrich wird immerhin 29. Auch Armstrong gewinnt trotz aller Ambitionen und Anstrengungen nicht, sondern sein Landsmann und ehemaliger Edelhelfer Tyler Hamilton. Der große Favorit wird 20. Nur neun Plätze und 37 Sekunden trennen ihn und seinen ehemals härtesten Tour-de-France-Widersacher.

Tour, Tour, Tour - mit dieser Zwangsforderung der Telekom setzte sich Jan Ullrich seit seinem Sieg auf den Champs-Elysees 1997 jedes Frühjahr übergewichtig aufs Rad. Nichts anderes zählte als die Tour. Ullrich schlampte im Frühjahr, schien sein Talent zu vergeuden, schaffte es aber dank seiner Klasse immer wieder und gerade rechtzeitig, zum Tour-Start in Form zu kommen. Es war nie die beste Verfassung, aber die reichte, um nach 1996 noch dreimal Zweiter zu werden, jedoch nicht, um Armstrong ernsthaft herauszufordern.

Mit den Gedanken nur an die Tour belastet sich der 29-jährige Wahl-Schweizer im Frühjahr 2003 nicht mehr. Er will im Juli "nur gut aussehen". Mehr nicht. Kontinuierlich und konsequent arbeitet er seit fünf Monaten an seinem Comeback. Ohne Nachlässigkeiten, aber mit einer neuen Gelassenheit. "Ich habe nichts zu verlieren", lautet einer seiner Standardsätze. Er habe aus seinen Fehlern gelernt. "Eine heilsame Lehre, ein Stück Lebenserfahrung", sagt Ullrich. "Aber mich ärgert alles, was passiert ist. Wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen. Ich möchte das nicht noch einmal durchmachen."

Fast scheint es, als wären all die Turbulenzen des letzten Jahres - Unfallflucht, Führerscheinentzug, Pillenaffäre, Dopingsperre, Knieoperationen - der Turbo für den Start in eine zweite Karriere. Jetzt-erst- recht-Reaktion und Willensstärke als Folge aller Eskapaden. Wie Phönix aus der Asche ist der geläuterte und gereifte Star in die Weltelite zurückgekehrt - langfristig vielleicht stärker als je zuvor.

Armstrong stellt sich bereits darauf ein. "Die Tour, der Radsport und auch ich brauchen einen starken Ullrich", sagt der Amerikaner über den deutschen Kollegen. Der registriert mit Genugtuung: "Meine Rückkehr belebt den Radsport." "Für Jan", urteilt sein einstiger Telekom-Mitstreiter Erik Zabel, "gibt es nur entweder ganz unten oder ganz oben. Dazwischen gibt es für ihn nichts." Die Szene staunt über den ranken und schlanken Coast-Kapitän, der seit Jahren zu dieser Jahreszeit nicht in derart guter körperlicher Verfassung in die Pedale trat.

Sein Freund Bjarne Riis, der Ullrich zu gerne in seinem dänischen CSC-Team gehabt hätte und der in Lüttich den Triumph seines Kapitäns Tyler Hamilton feierte, ist von der Veränderung des einstigen Weggefährten angetan: "Jan ist ein anderer Mensch geworden, aber derselbe Rennfahrer geblieben." Bei weiterhin guter Vorbereitung traut der Däne dem einstigen Telekom-Partner einen Platz auf dem Podium in Paris zu. Gewinnen braucht Jan nicht. Das große Fragezeichen, weiß Riis als Insider, bleibe nicht zuletzt Ullrichs Mannschaft.

Das Chaos bei Coast, die finanziellen Schwierigkeiten des Essener Textilunternehmers Günther Dahms - der mit ihm einen Dreijahresvertrag über 8,2 Millionen Euro geschlossen hat - verdrängt Jan Ullrich. "Das zu regeln, dafür sind andere Leute da", sagt er und vertraut seinem umtriebigen Kumpel Rudy Pevenage und seinem Manager Wolfgang Strohband. "Ich hoffe, dass sich alles einrenkt." Eine typische, weil vorsichtige Ullrich-Äußerung wie sie weiterhin auch von den beiden Beratern zu hören sind. Kein Wunder, hat doch erst der italienische Radfabrikant und Coast- Ausrüster Bianchi mit Bankgarantien Ullrichs Lizenz ermöglicht.

Tag für Tag mag der gefallene und weitgehend wieder aufgestandene Radheld ohnehin nicht an die beruflichen Probleme denken. Vor dem Duschraum in der Sporthalle Loncin fragt einer Ullrich nach dem Rennen "Rund um den Henninger-Turm" an diesem Donnerstag in Frankfurt. Wieder ein Rennen vor heimischem Publikum. "Daran denke ich noch nicht", winkt er ab. "Ich will jetzt nur nach Hause."

Quelle: Handelsblatt

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