Wegen der Gesundheitsreform wird Deutschland-Engagement eingeschränkt
Pharma-Konzerne auf der Flucht

Zahlreiche ausländische Pharmakonzerne überprüfen derzeit ihr Engagement in Deutschland. Die absehbaren Belastungen durch das Gesundheitsreform-Konsens-Gesetz seien so gravierend, dass bereits kurzfristig negative Standort- und Investitionsentscheidungen folgen werden, heißt es in einem Hintergrundpapier, mit dem unter anderem die deutschen Töchter der Pharmariesen MSD Sharpe & Dohme, Pfizer, Eli Lilly, Glaxo und Amgen gemeinsame Positionen zu dem Gesetz abstecken.

DÜSSELDORF. "Die mittel- bis langfristigen Konsequenzen auf Forschung, Standortinvestitionen und Beschäftigung werden gravierender sein." Betroffen wäre vor allem die Forschung. Denn die Kritiker sehen in dem Gesetzentwurf einen "Angriff auf Patentschutz und Preisfreiheit". Die geplanten Kostendämpfungsmaßnahmen "schränken die exklusive wirtschaftliche Nutzung von Innovationen ein und tasten damit faktisch den Patentschutz an", sagt Stefan Oschmann, Chef der MSD Sharpe & Dohme GmbH, im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Die Politik greift die forschenden Pharmaunternehmen in einer radikalen Weise an, wie sie in westlichen Ländern bisher ohne Beispiel ist."

Damit verschärfen die angelsächsischen Konzerne den Tonfall gegenüber der Politik. Doch die gesamte Branche sieht durch das Gesetz den jungen Trend zu mehr Pharmaforschung abreißen: Dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) zufolge haben die Pharmakonzerne von 1996 bis 2002 ihre Forschungsaufwendungen in Deutschland um 47 % auf 3,6 Mrd. Euro gesteigert. "Diese positive Entwicklung ist jetzt bedroht", glaubt VfA-Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer.

Die geplanten Eingriffe bedeuten für die Pharmawirtschaft 2004 insgesamt bis zu 3 Mrd. Euro Umsatzeinbußen, hat der VfA errechnet. Den früheren Beitrag der Branche zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen bezifferte Yzer auf gut 2 Mrd. Euro pro Jahr. Derzeit mobilisiert der Verband seine Mitglieder zu einer Kampagne gegen das Gesetz.

In diesem Rahmen melden auch deutsche Pharmakonzerne massive Bedenken an. So warnen Altana-Vorstandschef Nikolaus Schweickart, Schering-Vorstandsvorsitzender Hubertus Erlen, und Boehringer-Ingelheim-Geschäftsführer Andreas Barner vor den Folgen des Gesetzes. Doch können sie ihre Labors nicht ohne weiteres abziehen - anders die internationalen Pharmariesen.

"Das bleibt für den Forschungsstandort Deutschland nicht folgenlos", orakelte kürzlich auch Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie. Seinem Verband gehören unter anderem auch die Hersteller von patentfreien Nachahmerprodukten (Generika) an. Branchenkenner fürchten, dass neu entwickelte Medikamente künftig nicht oder erst mit großer Verspätung in Deutschland eingeführt würden - als Langzeitfolge der Flucht der Pharmaforscher aus Deutschland.

So hat MSD ihre Erweiterungsvorhaben rund um München wegen der Reformpläne gestoppt. "Investitionen, die wir hier vor hatten und mit denen mehrere hundert neue Arbeitsplätze verbunden gewesen wären, werden wir jetzt nicht tätigen", sagte MSD-Deutschland-Chef Oschmann. Darunter seien auch Forschungsprojekte gewesen. So werde man ein Grundstück in Haar bei München, das man für neue Aktivitäten gekauft habe, vorerst nicht nutzen.

hier zu Lande 1,9 Mrd. Euro um.

Neben den pauschalen Preissenkungen ist ihm vor allem die in dem Entwurf vorgesehene Kosten-Nutzen-Abwägung für zu erstattende Medikamente ein Dorn im Auge, die neu an den Markt kommen. Sie soll den Ärzten als Empfehlung an die Hand gegeben werden und von den Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigung vorgenommen werden - Institutionen, die nach Meinung vieler in der Pharmabranche bisher nicht durch einen realistischen Blick auf die großen Kostentreiber des Gesundheitswesens aufgefallen sind, und bei denen Interessenkonflikte drohen.

MSD schätzt auf Grund des vorliegenden Arbeitspapiers, dass das Gesundheits-Konsens-Gesetz in Deutschland 90 Mill. Euro ihrer Erträge auffressen wird. "Da muss man als Unternehmen blitzschnell reagieren", sagte Oschmann, auch wenn der Reformentwurf noch nicht Gesetz sei. MSD hat in Deutschland 1 500 Mitarbeiter und setzte 2002 knapp 700 Mill. Euro um.

Als erste Tochter eines ausländischen Pharmakonzerns hatte die Pfizer Deutschland GmbH in der vergangenen Woche angekündigt, Forschungskapazitäten von Freiburg nach Großbritannien verlegt. Dies könne 150 von insgesamt 6 000 Pfizer-Beschäftigten den Job kosten, sagte eine Sprecherin. Bei Pfizer wurde kein Gewinneffekt genannt, jedoch von 140 Mill. Euro weniger Umsatz schon 2004 gesprochen. Bisher setzt das Unternehmen hier zu Lande 1,9 Mrd. Euro um.

Auch bei der Deutschland-Tochter von Eli Lilly steht womöglich ein Investitionsstopp in die Forschung an. Das Unternehmen hatte bisher die Schaffung von bis zu 100 Forschungsjobs in den nächsten fünf Jahren erwogen, jedoch noch keine Entscheidung getroffen. Werde die im Gesetzentwurf vorgesehene Preissenkung um 16 % nicht überdacht, raunte Lilly-Deutschland-Chef Rolf Hoffmann, "müssen wir uns fragen, ob das hier noch der richtige Markt ist, in den wir investieren."

Nicht nur angelsächsische Unternehmen stellen ihr Deutschland-Engagement derzeit auf den Prüfstand. So sieht auch das Management der japanischen Takeda Pharma mit Sorge auf die Entwicklungschancen für ihre deutsche Tochter. Sie vermarktet fast ausschließlich patentgeschützte Medikamente und hat ebenfalls grundsätzliche Bedenken in Sachen Patentschutz. Das Unternehmen rechnet, dass das Gesetz den Jahresumsatz von 200 Mill. Euro in Deutschland um 30 Mill. Euro verringert - und die Erträge fast in gleicher Höhe.

Bei einem Schweizer Pharmakonzern denkt man ebenfalls über Konsequenzen nach, auch wenn zunächst weder Investitionsstopp noch Standortschließungen geplant seien. Wenn sich die Regeln am Markt änderten, werde man sich neue Geschäftsmodelle überlegen müssen, die weniger stark auf den Patentschutz bauten.

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