Wegen Interventions-Fantasie und US-Wahl
Euro baut Kursgewinne aus

Die Gemeinschaftswährung übersprang für einen Momant die Marke von 0,87 $. Weitere Interventionen der Europäischen Zentralbank werden erwartet.

Reuters FRANKFURT. Der Euro hat seine Kursgewinne am Freitag wegen der anhaltenden Unsicherheit um die US-Präsidentenwahl und wegen Interventions-Fantasien ausbauen können. Die Gemeinschaftswährung übersprang für einen Moment die Marke von 0,87 $ und markierte mit 60,74 Pence den höchsten Kurs zum Pfund seit sieben Wochen. Am Donnerstagabend hatte der Euro in New York gut einen Cent gewonnen und mit 0,8660/64 $ geschlossen, weil der ungewisse Wahlausgang die US-Aktienmärkte belastet hatte. In Fernost und im frühen europäischen Handel stützte die Erwartung erneuter Devisenmarkteingriffe der Europäischen Zentralbank (EZB) die Währung. "Sie haben insgesamt vier Mal bisher interveniert, zwei Mal freitags - und heute ist Freitag", sagte Jonathan Bayley, Devisenanalyst von BNP Paribas.

Gegen 11.15 Uhr MEZ notierte der Euro mit 0,8673/75 $ und 93,48/53 Yen. Die EZB hatte zuletzt am Donnerstag - erneut ohne Beteiligung der Notenbanken in Japan und den USA - zugunsten des Euro interveniert und dabei Euro gegen $ und Yen gekauft. Die Notenbank hat damit innerhalb einer Woche drei Interventionen im Alleingang vorgenommen. Händlern zufolge spekuliert der Markt darüber, dass die japanische Notenbank das nächste Mal mit von der Partie sein könnte. "Die EZB wird wahrscheinlich weiter Euro kaufen", sagte ein Händler in Tokio. Denn eine große Intervention allein könne den Abwärtstrend der Währung nicht stoppen.

Keine dramatische Kehrtwende

Die neue Strategie der Notenbank sei offenbar, häufiger am Markt einzugreifen und die Interventionsdrohung aufrecht zu erhalten, vermutet Paribas-Analyst Bayley. "Die EZB muss sich Händlern zufolge auf eine längere Schlacht einrichten, wenn sie den Euro stützen will." Eine schnelle, dramatische Kehrtwende vom Abwärtstrend werde sie nicht bewirken können. "Die politische Unsicherheit (in den USA) hilft dem Euro und die Intervention hat die Leute auf Risiken aufmerksam gemacht", sagte Paul Goldi von der Commerzbank in Tokio. Der Markt sei jedoch nicht überzeugt, dass der Euro schon einen Boden gefunden hat.

Der $ wird nach Einschätzung von Analysten unterdessen wegen der Unsicherheit über die weitere Entwicklung bei der US-Präsidentenwahl unter Druck bleiben. Frühestens am 17. November wird voraussichtlich feststehen, ob Al Gore oder George Bush die Wahl gewonnen hat. Die Entscheidung könnte sich sogar noch verzögern, falls es tatsächlich zu rechtlichen Auseinandersetzungen über die Wahlen kommt. Es hat einige Beschwerden über Unregelmäßigkeiten bei der Wahl im entscheidenden US-Bundessstaat Florida gegeben. Al Gores Demokraten haben rechtliche Schritte nicht ausgeschlossen.

Schlechte Aussichten für den Dollar

Inzwischen rechnen die Finanzmärkte auf längere Sicht allerdings nicht mehr mit sehr starken Auswirkungen eines möglichen Regierungswechsels in Washington auf Aktien, Devisen und Anleihen. Grund ist die nur hauchdünne Mehrheit der Republikaner im Kongress, die es jedem Präsidenten schwer machen dürfte, radikale Politikänderungen durchzusetzen. Bushs Steuersenkungspläne galten bisher als positiv für die Aktienmärkte und den $, da sie die Konjunktur anheizen und Zinserhöhungen nach sich ziehen könnten. Keiner der beiden möglichen Präsidenten werde einen radikalen politischen Richtungswechsel vornehmen, sagte Marc Chandler, Chefstratege der Mellon Bank in New York. "Aber die starke US-Wirtschaft wird den $ weiter stützen."

Ein anderer Devisenexperte, David Gilmore von Foreign Exchange Analytics, sieht zumindest in der nächsten Zeit schlechte Aussichten für den $. Er fürchtet, dass sich das Hin und Her über die Präsidentenwahl zu einer handfesten Verfassungskrise auswachsen könnte. Keiner der Kandidaten werde aufgeben. Das Risiko einer Verfassungskrise sei deutlich. Andere Anlagewährungen wie der Schweizer Franken und das Pfund Sterling könnten davon profitieren.

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