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Weiblich, ledig, jung sucht ...

... Partei, in der Kinder nicht automatisch eine Karriere in der Familienpolitik knicken.

Katherina Reiche, 28, schwanger und Mutter einer dreijährigen Tochter ist konservativen Elementen in der CDU eindeutig zu unverheiratet. Ein Riesenwirbel entstand, als die Nachwuchspolitikerin in Stoibers Kompetenzteam das Ressort Familie übernehmen sollte.

Unvermittelt ruderte Stoiber deshalb zunächst zurück und wollte ihr die Kompetenz auf dem Gebiet der Familienpolitik doch nicht zugestehen. Nach Protesten von allen Seiten heißt es jetzt aber wieder: Alles in bester Ordnung, Frau Reiche ist unsere Frau für die Familienpolitik.

Was die CDU/CSU bei der Konkurrenz immer belächelt hat, passiert ihr erstmals selbst: Die Fraktion stolpert über ihre eigenen Mitglieder.

Plötzlich muss Stoibers Mannschaft um die Wählerstimmen aller unverheirateten Eltern bangen. Und um die Stimmen von allen anderen, die - zu Recht - glauben, dass das Privatleben eines Politikers nicht über seiner fachlichen Kompetenz stehen sollte. Schließlich sind wir nicht in den USA.

Kein Wunder, dass die anderen Parteien den vermeintlichen Skandal weidlich ausnutzen. Spitzenpolitiker von SPD, Grünen, FDP und PDS werfen Stoiber Rückständigkeit und Durchsetzungsschwäche vor.

Damit aber nicht genug: Auch die eigenen Reihen kritisieren Stoibers Einknicken gegenüber den Konservativen. CDU-Generalsekretär Heiner Geißler hält die Diskriminierung einer alleinstehenden Mutter für einen "Rückfall ins vorige Jahrhundert".

Dass Stoiber dem Druck jetzt nachgibt und Reiche rehabilitiert, macht aus der ganzen Affäre viel Lärm um nichts. Beschädigt hat sie ihn aber trotzdem. Knapp eine Woche hatte die Öffentlichkeit Zeit, Katherina Reiche zur tragischen Heldengestalt zu stilisieren. Und Stoiber zum Bösewicht. Dass auch noch andere Gründe - wie mangelnde Erfahrung und die Tatsache, dass sie in der heißen Wahlkampfphase wegen ihrer Schwangerschaft vermutlich pausieren muss - gegen sie als Familienpolitikerin sprechen könnten, kann Stoiber jetzt nicht mehr zur Geltung bringen.

Der Kandidat aus Bayern hat erstmals zu spüren bekommen, dass es kein Kinderspiel ist, die konservativen Haudegen der CDU/CSU und sein neues, tolerantes Image unter einen Hut zu kriegen. In der Bundespolitik dürfte ihm das noch öfter passieren. Dann erst wird man sehen, ob er aus der "Affäre Reiche" gelernt hat - oder nicht.


s.herr@vhb.de

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