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Weihnachtszeit bald jederzeit

In geschützten Ecken blühen in Portland, Oregon noch Rosen. Die Regenzeit hat eingesetzt, aber der Sommer ist noch frisch in Erinnerung.

In geschützten Ecken blühen in Portland, Oregon noch Rosen. Die Regenzeit
hat eingesetzt, aber der Sommer ist noch frisch in Erinnerung. Bis zum
traditionellen Familien-Feiertag Thanksgiving sind es noch über zwei Wochen,
aber schon klingen die Weihnachtsglocken und in den Schaufenstern werden die
ersten Festtagsdekorationen angebracht. Früher denn je hat der Einzelhandel,
der über die Hälfte seines Umsatzes in der Weihnachtssaison macht, die große
Werbemaschinerie angeworfen. Portlands Stadtväter haben sich vom
Festtagsfieber anstecken lassen. Bereits Mitte November wird in diesem Jahr
mit feierlicher Prozession der große Lichterbaum auf dem zentralen Platz,
Pioneer Square, aufgestellt. Man sollte meinen, hinter der Eile steckt
Sehnsucht nach dem Fest des Friedens inmitten von Irak-Krieg,
Naturkatastrophen und Folterskandalen.

Weit gefehlt, mein lieber Watson. Die Einzelhändler fürchten landauf und
landab, dass ihren Kunden für Geschenke kein Geld bleibt, wenn sie ihre
Heizkostenrechnungen bezahlt haben. Denn selbst die an vielen Orten um 50
Prozent oder mehr gestiegenen Benzinpreise verblassen gegen die Kosten für
Erdgas und Heizöl, die sich fast verdoppelt haben. Zusätzlich zu höheren
Energiekosten steigen die Zinsen, was früher oder später all jene trifft,
die sich im Boom der vergangenen Jahre zu Gleitzinshypotheken überreden
ließen.

Für Extra-Belastungen sind die meisten US-Haushalte nicht gewappnet. Die
konsumfreudige amerikanische Mittelschicht spart nicht; im Gegenteil nutzten
viele die billigsten Hypotheken seit Jahrzehnten und den daraus folgenden
Immobilienboom, um sich größere Häuser zu leisten oder ihre im Wert
gestiegenen alten Behausungen höher zu beleihen und damit ihre stagnierenden
Einkommen aufzubessern. Das Verfrühstücken von Substanz hat bei vielen einen
Scheinwohlstand erzeugt, der schnell verfliegt, wenn unerwartet
unkontrollierbare Ausgaben auftauchen. Dazu gehören teureres Benzin für den
nagelneuen Straßengorilla und höhere Heizkosten für das größere Haus. Die
Sorge, dass den Verbrauchern das Geld ausgehen könnte und das
Weihnachtsgeschäft ein Fiasko wird, hat nicht nur der Einzelhandel. Sogar
den wirtschaftsfreundlichen Republikanern in Washington stößt sauer auf,
dass die Verbraucher mit höheren Energiekosten zur Ader gelassen werden,
während die Ölkonzernen Rekordgewinne melden. ExxonMobil allein verdiente im
abgelaufenen Quartal netto rund zehn Milliarden Dollar. Mehrere Ölbosse
wurden vor den Kongress zitiert und Rufe nach einer Sondersteuer auf den
Windfall waren zu hören. Sie stoßen aber bei der von Ölmännern dominierten
Bush-Regierung naturgemäß auf taube Ohren.

Unterdessen werden auf den Baumschulen in Oregon schon fleißig
Weihnachtsbäume geschlagen und verladen. Ihr Lichterglanz wird vielen in
diesem Jahr früher als sonst das Herz erwärmen. Wenn dann Weihnachten
wirklich vor der Tür steht, sind sie so kahl wie die Konten ihrer Käufer.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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