Weil Russen und Franzosen kungelten, steht das Eiskunstlaufen mal wieder am Pranger: Eine Sportart tanzt Pogo

Weil Russen und Franzosen kungelten, steht das Eiskunstlaufen mal wieder am Pranger
Eine Sportart tanzt Pogo

Der Skandal rund um das Eiskunstlaufen machte deutlich, wie sehr dieser Sport unter einer dicken Schicht Schminke den Filz verdeckt.

SALT LAKE CITY. Wenn ein Eiskunstläufer zum wilden Pogotänzer wird und seine Partnerin zur zupfenden Gitarristin, dann kann das für eine Wahnsinnsstimmung sorgen. David Pelletier und Jamie Sale, die sich sonst eher der Klassik verschrieben haben, ließen sich dieser Tage auf der Bühne im Olympic Square von den "Barenaked Ladies" zu einem Auftritt besonderer Art hinreißen. Die kanadische Band und ihre Landsleute aus der Eishalle lieferten eine ungewöhnliche Version des Kinks-Klassikers "You really got me" und hätten dafür vom begeisterten Publikum vermutlich die Traumnote 6,0 bekommen.

Das Duo Sale/Pelletier aber lässt gewöhnlich nicht seine musikalischen, sondern vielmehr die Eiskunstlaufqualitäten beurteilen. Von neun aufmerksamen, oft älteren Herrschaften. Und nur selten sind diese Noten so, dass alle Welt damit glücklich wird. In Salt Lake City war es mal wieder so, dass die bunte Welt des Eiskunstlaufens reichlich aus den Fugen geriet. Die Kanadier hatten nach allgemeiner Auffassung die beste Vorstellung in der Paarlauf-Entscheidung geboten, doch mit 5:4 Stimmen ging das Gold an die Russen Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse. Freitag aber wurde schließlich auch den Silberdekorierten - nicht zuletzt auf Druck der nordamerikanischen Medien - Platz eins zugesprochen. Doppel-Gold also.

NBC freut sich über steigende Einschaltquoten

Vier osteuropäische Punktrichter und die französische Kollegin hatten sich vergangene Woche für die Russen entschieden. Umstritten war?s, sehr sogar. Als dann aus Spekulationen mehr wurde, als der französische Verbandspräsident davon sprach, dass jene punktende und inzwischen suspendierte Marie-Reine Le Gougne zwar "ein ehrlicher und aufrechter Mensch" sei, aber letztlich "eine schwache Person, die manipuliert wurde" - spätestens da hatte Olympia seinen Skandal.

Einen, der das eiskunstlaufverrückte Amerika schwer in Aufregung versetzte, zumal die Nachbarn aus Kanada betroffen waren. Zeitungen und Fernsehsendungen waren und sind voll mit der "größten Sauerei, die dieser Sport je erlebt hat" (USA Today). NBC freute sich unterdessen dank des Troubles über steigende olympische Einschaltquoten.

Der Deal ist offenbar so gelaufen: Die französische Punktrichterin wertete für Bereschnaja/Sicharulidse, damit im Gegenzug das russische Jury-Mitglied in der Nacht zu morgen bei der Eistanz-Entscheidung für Marina Anissina und Gwendal Peizerat stimmt. Richtig, es handelt sich um Franzosen. "Das haben die clever gemacht", sagt der Berliner Rene Lohse, der zusammen mit Kati Winkler für Deutschland im Eistanz an den Start geht. "Sie sind über die B-Note für den künstlerischen Eindruck gegangen, und da ist alles nur eine reine Geschmacksfrage. So gesehen, ist das nicht einmal Betrug."

Deutschen träumen für die Zukunft weiter von einer Medaille

Wie in der Kunst, so Kati Winkler, würde es eben keine objektiven Grundlagen für die Bewertung geben. Wofür auch? Schließlich wissen alle Beteiligten, dass im Eiskunstlaufen seit jeher nicht zwangsläufig der oder die Beste gewinnt. In der Abteilung Eistanz sind die Rangfolgen sogar noch fester zementiert als im Paarlauf. "Wir wachsen damit auf, was sollen wir machen?" fragt Winkler ratlos. "Eigentlich ist alles schon vorher festgelegt, das ist Teil des Geschäfts."

Trotzdem geben die Deutschen die Hoffnung nicht auf, irgendwann eine Medaille bei einem Großereignis zu gewinnen. "Nächstes oder übernächstes Jahr", prognostiziert Lohse. Nicht unbedingt wegen einer eigenen Leistungssteigerung, sondern weil bis dahin andere Paare ihre Amateur-Karriere beendet haben. So, und nur so, scheint ein Aufrücken möglich.

In Salt Lake City müssten die ach so neutralen Preisrichter Platz sechs oder sieben für sie vorgesehen haben. "Wir kennen die Jury und wissen vorher, wer uns gute Noten gibt und wer nicht", sagt Winkler, die nach all den Jahren in der Szene ziemlich desillusioniert ist. "Das ist bei uns wie in der Politik, auch dort gibt es Korruption."

Doppel-Gold-Entscheidung hilft der Sportart nicht

Der Wille zur Veränderung ist allerdings nicht allzu ausgeprägt. Der internationale Verband ISU benötigte am Salzsee schon Nachhilfe des Internationalen Olympischen Komitees, um der krummen Sache nachzugehen. Zunächst wollte die ISU auf Zeit spielen, bis der Verband merkte, dass dieser Schuss nach hinten losgehen könnte. "Aus Gründen der Gerechtigkeit", so IOC-Präsident Jacques Rogge, sei die Entscheidung korrigiert worden. "Voila", titelte die Zeitung "Salt Lake City Tribune". Das dürfte auch die manipulierte Madame verstanden haben.

Mit der Doppel-Gold-Entscheidung, die in Zukunft als Präzedenzfall herangezogen werden könnte, ist zwar den Kanadiern geholfen, nicht aber der Sportart. Unter einer dicken Schicht Schminke ist ein Sumpf verborgen, und weit und breit ist keine Demaskierung in Sicht. Selbst Rene Lohse mag sich mit dem Gedanken an ein reinigendes Gewitter nicht anfreunden. Er äußert vielmehr einen eher fragwürdigen Wunsch: "Hoffentlich wird nicht alles veröffentlicht, was hinter den Kulissen abgeht. Das wäre womöglich der Todesstoß für unsere Sportart."

Schon gibt es IOC-Mitglieder, die den Ausschluss des Eiskunstlaufens aus dem olympischen Programm fordern, weil Reformbemühungen und gerechte Ergebnisse bei der ISU nicht erwünscht sind. Als seinerzeit der Vorschlag gemacht wurde, die Zahl der Punktrichter auf 20 zu erhöhen und dann durch einen Zufallsgenerator die neun für die Wertung erforderlichen Noten heranzuziehen, wurde dies mit dem Hinweis auf zu hohe Kosten abgelehnt. Weitere Fragen erübrigen sich.

Statt der olympischen Streichung der Sportart bietet sich vielleicht ein Kompromiss an: Man könnte sich aufs Schaulaufen beschränken. Das findet bekanntlich ohne Punktrichter statt.

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