Weimers Woche
Die uneigentliche Republik

Eigentlich findet jeder die RTL-Dschungelshow unmöglich. Tatsächlich schauen sie Millionen mit großem Vergnügen. Eigentlich ist Angela Merkel die CDU-Vorsitzende. Tatsächlich betreibt sie eine sozialdemokratische Politik. Immer häufiger passen Sein und Schein nicht mehr zusammen. Damit legt sich ein Nebel der Uneigentlichkeit übers Land.
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Eigentlich findet jeder die RTL-Dschungelshow unmöglich. Tatsächlich schauen sie Millionen mit großem Vergnügen. Eigentlich ist Angela Merkel die CDU-Vorsitzende. Tatsächlich betreibt sie eine sozialdemokratische Politik. Eigentlich fordert die deutsche Politik seit Jahren, man müsse in Bildung investieren. Tatsächlich sehen unsere Schulen aus wie Hinterhöfe in Restjugoslawien, die Klassen sind voll wie in Burundi, und die Ausstattung mancher Uni hat das Niveau von Usbekistan.

Die Uneigentlichkeit ist aber nicht nur schönfärberisch unterwegs. Eigentlich fühlt sich Deutschland ungeliebt wie das Aschenputtel der Weltgeschichte. Tatsächlich sind die Deutschen nach einer BBC-Studie das beliebteste Volk der Welt überhaupt. Eigentlich reden alle von der „schlimmsten Krise seit 1929“. Tatsächlich wären wir auch nach drei Rezessionsjahren in Folge noch hundertmal so reich wie 1929 oder 1945.

Die Mode der Uneigentlichkeit überschreitet alle Perspektiven. So ist eigentlich die CDU noch die CDU. Tatsächlich spielt sie die neue SPD. Eigentlich ist die FDP die FDP. Tatsächlich spielt sie die neue CDU. Eigentlich ist die SED die PDS. Tatsächlich nennt sie sich Linkspartei. Eigentlich müsste diese „Linkspartei“ von der Finanzkrise profitieren. Tatsächlich schwindet ihre Zustimmung. Eigentlich müsste Guido Westerwelle unter der Finanzkrise leiden, tatsächlich erreicht er Sympathiewerte wie Günther Jauch. Eigentlich ist der Krieg in Afghanistan nach sieben Jahren verloren. Tatsächlich aber sprechen unsere Politiker von einer „erfolgreichen Mission“, die so lange fortgeführt werden müsse, bis sie die Dauer zweier Weltkriege übersteigt.

Eigentlich haben in der aktuellen Finanzkrise die Staatsbanken – von IKB über KfW bis zu den Landesbanken – die schlimmsten Fehler gemacht. Tatsächlich aber verstaatlichen wir nun auch die letzten Privatbanken. Eigentlich wissen alle, dass der Papst alles andere als ein Antisemit ist. Tatsächlich aber spielen einige die Günter-Grass-Lieblingsrolle: das Tribunal, dem man entkommt, indem man es wird.

Es legt sich ein Nebel der Uneigentlichkeit übers Land. Immer häufiger passen Sein und Schein nicht mehr zusammen. Nun ist das für Krisenzeiten beinahe typisch. Die Sprache der Uneigentlichkeit gewährt den Unsicheren Asyl. Doch diesmal wächst sich das Phänomen vom rhetorischen zum kognitiven Problem aus. An der Schuldenkrise lässt sich diese Gefahr gut ablesen.

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