Weimers Woche
Gemach, gemach

Mindestens drei Revolutionen hat man in den vergangenen drei Monaten lauthals ausgerufen. Im September war der Weltkapitalismus am Ende. Im Oktober wankte die Demokratie, und im November begann mit der Obama-Wahl nicht nur eine neue Präsidentschaft, nein, gleich ein neues Zeitalter! Als hätte Perikles die Demokratie gerade erfunden.
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Mindestens drei Revolutionen hat man in den vergangenen drei Monaten lauthals ausgerufen. Im September war der Weltkapitalismus am Ende. Im Oktober wankte die Demokratie, und im November begann mit der Obama-Wahl nicht nur eine neue Präsidentschaft, nein, gleich ein neues Zeitalter! Als hätte Perikles die Demokratie gerade erfunden.

Nun geht natürlich weder die Marktwirtschaft zugrunde noch die Demokratie, und Obama ist auch nur einer nach 43 anderen US-Präsidenten. Das herbstliche Pathos steht sogar im Gegensatz zur tatsächlichen Dominanz des Profanen. Denn in allen großen Debattenlagen passiert das Gegenteil von Revolution, nämlich Kohäsion. Man rückt zusammen statt auseinander. Die offenen Gesellschaften des Westens reagieren auf die einsetzende Rezession gerade nicht gereizt und gespalten, sondern besonnen. Sogar das streitlustige Europa erweist sich als reif, ruhig und geeint wie selten zuvor.

Es wiederholt sich damit, was schon in den Veränderungsschüben der neunziger Jahre zu beobachten war. Während die einen die „Internetrevolution“ der „New Economy“ verkündeten, andere das vermeintlich entmündigte Bürgertum auf die Barrikaden riefen, wählte die Masse immer das Gegenteil – nämlich den Status quo. Selbst als nach den Attentaten vom 11.September 2001 angeblich nichts mehr so sein sollte wie zuvor, entschieden sich die meisten just genau für das „wie zuvor“. Die herausgeforderte Moderne sitzt und schaut, vor allem aber sitzt sie.

Inzwischen kann man fast darauf wetten, dass wenn Zeitgeistler den Umbruch, den Riss oder Ruck wittern und fordern, die Gesellschaft exakt das vermeidet. Darum sind die Schutzschirm- und Sicherheitsnetz-Metaphern so symptomatisch für das konservative Reaktionsmuster unserer Zeit.

Wenn man die vergangenen zwei Jahrzehnte überblickt, liegt der chronische Kohäsionsreflex wohl daran, dass die Gesellschaften ohnedies pausenlos Modernisierungsschüben ausgesetzt sind, sodass sie in Verdichtungsmomenten instinktiv retardieren und gerade nicht beschleunigen wollen. Auf eine unfreiwilligeBe wird mit willentlicher Entschleunigung geantwortet.

Ein interessantes Beispiel ist das aktuelle Schicksal der Linkspartei. Fast alle politischen Beobachter hatten Anfang September noch gewettet, dass nun Oskar Lafontaines Truppe ebenso schnell aufsteigen werde wie Aktienkurse und Banken fallen. Nach dem gefühlten dräute der tatsächliche Linksrutsch, die alten Seilschaften von Genossen machten Stimmung wie seit dem Nato-Nachrüstungsbeschluss nicht mehr. Es braue sich was zusammen, alle raunten von einer „Zeitenwende“, Joschka Fischer schwadronierte gar von einem „zweiten Mauerfall“. Sie kamen wie Dinosaurier aus ihren ideologischen Museen gestampft und spielten noch einmal Revoluzzerparty. Allerdings: autistisch und erfolglos. Die Linkspartei hat seit ihrem Hoch im Sommer – zur Verblüffung aller Neosozialisten – deutlich an Zustimmung verloren, die SPD dümpelt in den Umfragen bei Mittzwanzigerwerten, die Grünen trudeln dahin.

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