Weimers Woche
Grün wird grau

Während die FDP den Höhenflug probt, sacken die Grünen immer weiter ab. In einigen Umfragen haben die Liberalen mittlerweile doppelt soviel Zuspruch wie die Ökologen.
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Man reibt sich die Augen, aber die einstige Sponti-Bewegung wirkt wie im politischen Einmachglas. Luftdicht verpackt und im Keller der Erinnerung freundlich eingestellt. Der Niedergang der Grünen gehört zu den Überraschungen im Wahljahr der Berliner Republik. Doch bei genauem Hinsehen gibt es fünf gute Gründe, warum grün derzeit so grau wirkt.

Erstens fehlt den Grünen ihr Joschka Fischer. Die Lücke, die er hinterlassen hat, ist nie wirklich gefüllt worden. Die Partei wirkt wie versammelt um den Krater eines entwurzelten Baums. Sie stehen da wie übriggebliebene Holzfäller ihres eigenen Kahlschlags. Weder die bissige Renate Künast noch der kalte Jürgen Trittin, die wallende Claudia Roth noch der tanzstundenhafte Cem Özdemir verkörpern echte politische Deutungsmacht. Aus Joschka Fischers langem Schatten ist keiner herausgetreten.

Zweitens sorgt die große Wirtschaftskrise dafür, dass die Themen der Grünen marginalisiert werden. Neben dem großen Crash wirken die Debatten vom Klimawandel bis zur Genderpolitik wie Proseminare des Wirklichen. Das Wahlvolk will jetzt vor allem Sicherheit, die Verteidigung des Wohlstands und Wirtschaftskompetenz. Doch davon haben die Grünen nur Spurenelemente. Ihren interessantesten Kopf auf diesem Gebiet, den Querdenker Oswald Metzger, haben sie vom Hof gejagt - heute zeigt sich, dass auch er eine Lücke gerissen hat.

Drittens verlieren die Grünen zusehends ihre ideologisch-emotionale Kraft. Ihre Verbürgerlichung hat sie zwar in die Mitte der Gesellschaft gebracht, aber dort lodert auch kein Feuer der Weltverbesserung mehr. Die politische Funktion der Grünen-Partei als Methadonprogramm für Linkssüchtige hat sich gesellschaftlich zwar bewährt. Für die Partei aber ist ein Aufputschmittel abhanden gekommen. Wer heute unbedingt noch links sein will, der hat Gysi und braucht zum Klassenkampf-Revival die Natur nicht mehr.

Viertens leiden die Grünen an ihrem eigenen weltanschaulichen Erfolg. Im Merkeldeutschland sind schließlich alle irgendwie gewissensgrün geworden. Das "Greening" gehört zum Lifestyle wie Smoothies und Loungemusik. Und also können wir über Umweltfragen - wenn es nicht um Atomenergie geht, wo gerade ein Epilog theatralischer Alt-Debatten abläuft - inzwischen entspannt reden wie über den Mallorca-Urlaub oder Bundesligaspiele. Es gibt keinen Kaffee, keine Bankbilanz und keine Fußcreme mehr, die nicht nachhaltig-natursanft-biologisch daherkämen. Da sich die Industrie mit Wucht ökologisiert, verliert das Grüne zwar endlich seinen miesepetrigen, modernisierungsfeindlichen Charakter. Doch das allumfassende Greenwashing der Nachhaltigkeits-Manager macht die politische Bewegung obsolet. Die Grünen haben sich zu Tode gesiegt, seit "green revolutions" im Autohaus stattfinden und der Regenwald mit dem Bierkauf gerettet wird.

Der fünfte und letzte Grund für das grüne Ergrauen liegt im machttaktischen Verhalten der Partei. Während die FDP sich geschickt in eine Schlüsselstellung bringt für die Regierungsbildung im Herbst, nach beiden Seiten Signale ausgibt und damit die Magie der Machtoption auf sich zieht, hegen sich die Grünen selber hinter der schwächelnden SPD ein. Sie spielen die Jamaika-Karte ebenso wenig wie die schwarz-grüne Option. Es entsteht also keine Kombinationsfantasie, und da sie sich nur wie der bunte Wurmfortsatz der Sozialdemokraten positionieren, wird der Kreis ihrer potentiellen Gefolgschaft kleiner statt größer. Zumindest an diesem Problem könnten sie noch etwas ändern.



Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de.

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