Weimers Woche
Guido statt Oskar

Mit Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine ist es wie im Puppentheater. Der eine gibt den Kasper, der andere das Krokodil. Das Publikum sieht sie als größte Kontrahenten auf der politischen Bühne. Und wenn der eine oben ist, geht es dem anderen schlecht. So weit oben wie derzeit war Westerwelle noch nie. Seine 18 Sonntagsfragenprozent sind sensationell. Doch noch überraschender ist Oskar Lafontaine, das Krokodil der deutschen Politik, denn der sackt ab als gäbe es einen Teich des Vergessens.
  • 0

Mit Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine ist es wie im Puppentheater. Der eine gibt den Kasper, der andere das Krokodil. Das Publikum sieht sie als größte Kontrahenten auf der politischen Bühne. Und wenn der eine oben ist, geht es dem anderen schlecht. So weit oben wie derzeit war Westerwelle noch nie. Seine 18 Sonntagsfragenprozent sind sensationell. Doch noch überraschender ist Oskar Lafontaine, das Krokodil der deutschen Politik, denn der sackt ab als gäbe es einen Teich des Vergessens.

Fast alle politischen Beobachter hatten noch vor einem halben Jahr auf das Gegenteil gewettet. Der "neoliberale" Westerwelle galt als potentielles Opfer der Finanzkrise, den Bankenkritiker Oskar Lafontaine wähnte man vor dem großen Durchbruch. Seine Linkspartei werde ebenso schnell aufsteigen wie die Aktienkurse fallen, raunte es im politischen Berlin. Eine schwere Wirtschaftskrise, arrogante Amerikaner, miese Manager, böse Banken - nie schien die Lage so günstig für linke Gemüter.

Der Kapitalismus wirkte so angeschlagen, wie Lafontaine und Gregor Gysi sich das immer erträumt hatten. Darum kamen sie im Herbst auch wie Dinosaurier aus ihren ideologischen Museen gestampft und spielten mit ihrem DJ-Doppel Gregor und Oskar für einige Wochen noch einmal Revoluzzerparty. Doch vollkommen erfolglos. Nichts passiert, wovon die Linke kurz geträumt hat. Der Kapitalismus geht nicht unter, die Revolution fällt wieder einmal aus, die Umfragewerte für linke Parteien fallen sogar. Katerstimmung macht sich breit. Selten ist ein politischer Stimmungsballon so überraschend geplatzt.

Selbst im Fernsehen tauchen Gysi und Lafontaine kaum mehr auf. Im Jahr 2008 war der Saarländer noch der meistgeladene Gast in deutschen Talkshows. Nun will ihn keiner mehr sehen. Westerwelle nimmt jetzt seinen Platz ein. Auch die Demoskopen diagnostizieren einen erdrutschartigen Platztausch. Die Linkspartei lag bei ihrem Hoch im August 2008 noch drei Prozentpunkte vor der FDP. Heute dümpelt sie sechs Prozentpunkte dahinter. Noch nie hat es unter den kleinen Parteien in so kurzer Zeit eine derartige Bewegung gegeben.

In der Parteizentrale der Linkspartei ist man ebenso enttäuscht wie verblüfft. Die gefühlte Stimmung der Genossen und die tatsächliche des Volkes entwickelt sich genau in die entgegen gesetzte Richtung. Das Volk reagiert im Angesicht einer drohenden Rezession gerade nicht rebellisch sondern konservativ, es ist vorsichtig und spart, will alles, nur keine linken Experimente. Bewährtes ist gefragt wie der Winterreifen im Schnee. Man sucht Wirtschaftskompetenz und wähnt sie bei den Liberalen. Fast bekommt man den Eindruck als sei die Linke nur für die guten Zeiten und die Verteilung des Wohlstands zuständig, die Bürgerlichen aber für die Krisen- und Aufbauphasen der Republik.

Dass es der polischen Linken überhaupt nicht gelingt, aus der turbulenten Lage Kapital zu schlagen, hat auch langfristige Gründe. Zum einen leidet die sozialistische Gedankenwelt seit dem Zusammenbruch des Ostblock-Kommunismus immer noch am totalitären Erbe. Der real existierende Sozialismus hat mit seinen Hinrichtungskellern und Mauern den Langfristkredit der Moralität und Utopie nachhaltig geraubt. Linke Gesellschaftsvisionen klingen immer ein wenig nach der bleiernen Zeit des Ideologischen. Wenn die Linken also vorschnell von einem neuen "Mauerfall des Kapitalismus" reden, dann verraten sie nur ihre eigene ideologisch-totalitäre Erblast.

Seite 1:

Guido statt Oskar

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%