Weimers Woche
Merkel allein zu Hause

Noch liegt sie in den Umfragen vorne. Doch was vor wenigen Wochen noch niemand für möglich gehalten hätte, ist nun bittere Realität geworden: Angela Merkels Sympathiewerte schmelzen dahin wie Altschnee im Fönwind. Ihre Union fällt in den Umfragen auf den niedrigsten Stand seit der Kohl-Spendenaffäre. Damit erleidet Merkel eine dreifache Krise.
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Noch liegt sie in den Umfragen vorne. Doch ihre Sympathiewerte schmelzen dahin wie Altschnee im Fönwind. Angela Merkel ist in eine Krise geraten, die man vor wenigen Wochen noch für unmöglich gehalten hätte. Ihre Union fällt in den Umfragen auf den niedrigsten Stand seit der Kohl-Spendenaffäre. In der Partei rumort es, immer größere Teile der Christdemokraten wollen ihr nicht mehr folgen. Ausgerechnet wenige Monate vor der Bundestagswahl ist Angela Merkel in ihrer eigenen Partei isoliert wie ein Trainer kurz vor dem Abstieg.

Die Merkel-Malaise zum Auftakt des Wahlkampfjahres hat vordergründig mit der Wirtschaftskrise zu tun. Je schlechter die Konjunkturnachrichten werden, desto größer werden die Zweifel, ob die Kanzlerin denn auch alles richtig gemacht habe. Tatsächlich aber vollzieht sich ein Vertrauensverlust der ganz anderen Art. In ihrer eigenen Partei wirkt die Kanzlerin zusehends fremd.

Die unnötige Papstkritik Merkels war für viele Unionisten der Tropfen, der das Frustrationsfass zum Überlaufen gebracht hat. Denn Merkels Attacke auf den Vatikan verletzte nicht nur die Gefühle vieler Katholiken (und die sind in ihrer Mehrheit Unionswähler). Vor allem offenbarte sie eine Charakterschwäche von Angela Merkel, von der zu viele in der Union inzwischen einschlägige Erfahrungen gemacht haben. Immer dann, wenn es einem Parteifreund öffentlich richtig schlecht gehe, dann trete ausgerechnet Angela Merkel nach. Sie sei Stimmungs-Opportunistin aus egoistischem Kalkül.

Ob Kohl oder Schäuble, Merz oder Oettinger, Rüttgers, Koch oder Stoiber - immer wieder habe sie diese Illoyalität gezeigt, wenn es besonders leicht war, mit der Mehrheitsmeinung eigene Sympathiepunkte auf Kosten von Gefolgsleuten zu machen. "Das aber bekommt einer Parteivorsitzenden auf die Dauer schlecht", raunt es nun aus den Tiefen der CDU. Im Falle des Papstes nun sei das Spiel mit der Selbstprofilierung auf Kosten anderer schlagartig offenbar geworden. Merkels Maske sei gefallen, und in den katholischen Hochburgen der Union sei ein "dramatischer Entsolidarisierungseffekt" mit Angela Merkel zu spüren.

Die Kanzlerin trifft dieser Liebesentzug just in dem Moment, da sie ohnedies Kern-Milieus der Union zu verlieren droht. Insbesondere der Mittelstand, die Selbstständigen und Wirtschaftsliberalen fühlen sich in der von Angela Merkel systematisch sozialdemokratisierten Union nicht mehr zuhause. Sie laufen in Scharen zur FDP über. Die Liberalen kommen in diesen Tagen bundesweit auf Umfragewerte wie noch nie. Das ist weniger ein Indiz für die großartige Politik Guido Westerwelles als ein Misstrauendvotum für den Merkelkurs.

Denn es vollzieht sich über diese gesamte Legislatur hinweg schon ein ähnlicher innerer Zerfall der CDU wie einst bei der SPD unter Schröder. Beide haben ihre Kanzlerschaften als ein richtungspolitisches Crossover angelegt, sie positionieren sich bewusst in der Mitte der Gesellschaft, nicht aber in die Mitte ihrer jeweiligen Parteien. Die wechselseitigen Überholmanöver - Schröder nach rechts, Merkel nach links - bekommen der Kanzlerfigur in den persönlichen Sympathiewerten zwar prächtig, ihrer jeweiligen Partei aber richtig schlecht.

Als Gerhard Schröder den Marktreformer gab, applaudierte das deutsche Bürgertum, doch die Agenda 2010 kam auf Kosten der linken Seele seiner Partei. Und wenn nun umgekehrt Angela Merkel in Vielem eine sozialdemokratische Politik verfolgt, dann kränkt sie ihrerseits das konservative Herz der Union. Die CDU ist nach vier Jahren Großer Koalition innerlich jedenfalls verwundet. "Langfristig aber lässt sich ein verwundetes Pferd auch vom strahlendsten Reiter nicht mehr bewegen", warnt man selbst im Adenauer-Haus.

Damit erleidet Angela Merkel eine dreifache Krise. Eine faktische: Die Wirtschaftsschwäche raubt ihr den Nimbus der Erfolgskanzlerin. Eine strategische: Der ordnungspolitische Schlingerkurs distanziert ihr das Bürgertum. Und eine emotionale: Ihre gefühlte Illoyalität lässt ihr die Partei auf Distanz gehen. Es rächt es nun, dass Angela Merkel in der Phase ihrer Triumphe zu viele vermeintliche Konkurrenten verletzt und düpiert hat. Ihr Erfolg hat sie in einem sehr politischen Sinne einsam gemacht. Der einsame Triumph aber - das wusste schon Machiavelli - reitet zu Pferde aus und kehrt zu Fuß wieder heim.

Darum ist die für Unionsverhältnis katastrophal kleine Zahl 34 - so viel Zustimmung hat sie noch in der Sonntagsfrage - in Wahrheit ein verräterischer Isolationsindikator. Denn mit all den Besiegten und linken Überholmanövern sind immer auch Teile des konservativen Bürgertums entfremdet worden. Weder die Wirtschaftsliberalen, noch die Nationalkonservativen, noch die religiösen Wertebewahrer fühlen sich durch Angela Merkels Kanzlerschaftsbewahrungspolitik wirklich vertreten. Wie einst der linke und der Gewerkschaftsflügel bei Schröder legen sie nun schweigend ihre Gefolgschaft nieder. Da es sich aber um die historischen Kraftquellen der Union handelt, droht die Machtbasis sogar mitten im Wahlkampf zu erodieren. Bislang schien die Bundestagwahl ein Selbstläufer für Angela Merkel. Nun aber steht das auf dem Spiel was ihr am allerwichtigsten ist: ihre Kanzlerschaft.



Wolfram Weimer ist Herausgeber und Chefredakteur von Cicero. Seine aktuellen Kommentare lesen Sie unter www.cicero.de.

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