Weimers Woche
Wann kommt der Aufschwung?

Während viele sich noch im Krisensumpf aalen, fragen sich die Findigen, wann denn wohl der nächste Aufschwung beginnt. Darauf gibt es drei Antworten. Sie fangen mit den Buchstaben "L", "V" und "U" an und zeigen die ganze Bandbreite der möglichen Szenarien für die kommenden Monate und Jahre.
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Während viele sich noch im Krisensumpf aalen, fragen sich die Findigen, wann denn wohl der nächste Aufschwung beginnt. Darauf gibt es drei Antworten. Die Pessimisten, und die sind zurzeit in der Mehrheit, erwarten eine "L"-Rezession. Man gehe - wie der Buchstabe es grafisch abbilde - steil hinab ins Tal der Tränen und bleibe dann lange, sehr lange unten. Die Optimisten, und die sind fast so selten wie Zitronenbäume auf der Zugspitze, erhoffen hingegen eine "V"-Rezession. Demnach gehe die Weltwirtschaft zwar steil und tief in eine Krise; doch genauso rasch und kräftig komme sie auch wieder heraus.

Für die L-Formation der Abläufe spricht die tiefe Verwerfung im Finanzsystem mit großen Überschuldungen und Kreditklemmen, die sich aller Erfahrung nach nicht so rasch lösen werden. Das Risiko einer langwierigen Deflation sei offenkundig. Die L-Skeptiker verweisen gerne auf "bankeninduzierte Rezessionen" wie die Große Depression nach 1929 und die Japankrise nach 1990 - sie dauerten jeweils ein volles Jahrzehnt.

Für die V-Rezession, rasch rein und rasch wieder raus, sprechen die extrem gefallenen Rohstoffpreise, die historische niedrigen Zinsen und der Effekt von Lagerzyklen. Denn wenn selbst die Hersteller von Toilettenpapier ab Februar keine Anschlussaufträge mehr haben, dann kann man darauf gefasst sein, dass diese just dann geballt auf die Wirtschaft niederprasseln. Die V-Vertreter erinnern gerne an Kurzzeit-Schocks wie an den Crash von 1987. Da auch diesmal die Notenbanken entschlossen, rasch und konzertiert die Geldmaschine angeworfen hätten, könnten wir alsbald angenehme realwirtschaftliche Überraschungen erwarten.

Am wahrscheinlichsten erscheint mir hingegen die dritte Variante: die "U"-Rezession. Demnach treten wir zwar ein in eine schwere Rezession, die auch nicht nach zwei Quartalen wieder beendet ist. Aber nein, sie wird kein Jahrzehnt andauern. Schon 2010 könnte ein neuer Aufschwungzyklus beginnen. Warum? Weil beide Seiten - die L- und die V-Verfechter die richtigen Beobachtungen gemacht haben, sich beide aber aufwiegen.

So ist der Dominoeffekt eines globalen Konjunktureinbruchs längst unterwegs, er wird nicht mehr aufzuhalten sein, auch nicht durch milliardenschwere Konjunkturprogramme. Ein fallender Stein reißt den nächsten mit sich. So wird es bis tief hinein ins Jahr 2009 Kaskaden schlechter Nachrichten geben. Aber andererseits ist auch richtig: Wichtige Fundamentaldaten sind bereits äußerst günstig für den Beginn eines neuen Aufschwungs. Neben den Zinsen und Rohstoffen sind inzwischen viele Faktorpreise stark gefallen. Das macht neue Investitionen attraktiv, zumal wichtige Wachstumsmärkte (wie China und Indien) zwar schwächeln, aber keineswegs schrumpfen.

Die Aktienbörsen deuten an, dass man einen Boden rascher finden könnte als gedacht. Zudem ist das weltpolitische Klima derzeit ziemlich friedfertig. Amerika bekommt einen neuen Sympathieträger als Präsidenten und Kriege gibt es so gut wie keine mehr. Im Gegenteil arbeiten die meisten Staaten an der Bewältigung dieser Krise zusammen wie nie zuvor - vor allem aber radikal anders als 1929. Die historischen Rahmenbedingungen sind also ungewöhnlich gut, dass die Rezession kein "L" zu werden droht. Wir haben eine faire Chance auf das "U".

Wolfram Weimer
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