Weinprobe
Bordeaux extrem

Der neue Jahrgang, der jetzt vorab angeboten wird, bietet alles: Überragendes und Klägliches.

Robert M. Parker, Amerikas bekanntester Weinkritiker, ein umstrittener Mann, jubelte in seiner Hausgazette "The Wine Advocate". Der gelernte Anwalt spricht von einem "höchst beeindruckenden Wein". Er sieht ihn gar als Anwärter auf den Titel "Bestes Gewächs des Jahrgangs". Seine Bewertung nach der in Amerika gebräuchlichen Skala: 98 - 100 Punkte (von 100 möglichen).

Jancis Robinson, Englands bekannteste Weinkritikerin, eine streitbare Frau, senkte in der "Financial Times" den Daumen. Sie gebrauchte Worte wie "lächerlich" und "völlig untypisch". Nach dem in Europa üblichen System gab sie zwölf Punkte (von 20 möglichen). Mit einer solchen Note werden normalerweise Weine bedacht, die fehlerfrei, aber ansonsten fad sind.

Die beiden Stars urteilten über ein und dasselbe Gewächs, den 2003er von Château Pavie in St-Émilion. Dieter Füchsle, Weinhändler in Düsseldorf, der regelmäßig die Vorabverkostungen in Bordeaux besucht, schüttelt den Kopf: "Da haben beide Seiten übertrieben." Gewiss war der von Hitzerekorden geprägte Jahrgang in St-Émilion extrem schwierig. In kaum einem der Güter dieses Gebietes sind die Weine überragend ausgefallen. Doch so gering ist der Pavie nun auch wieder nicht. Im Gegenteil: Was es in diesem Château jetzt vorab zu kosten gab, erschien deutlich besser als alles, was in den vergangenen Jahren dort auf dem Tisch stand. Das liegt am neuen Besitzer, dem Pariser Supermarktkönig Gérard Perse, der viel Geld und Ehrgeiz in seine Erwerbung investiert hat.

Mit dem Streit flammt der Glaubenskrieg um die Frage wieder auf, wie ein großer Bordeaux beschaffen sein müsse: ob wuchtig und fruchtbetont, rundum "plummy", wie Parker es mag, oder vornehm herb und nicht gar so schwer, klassisch eben, wie Robinson fordert.

Der Amerikaner bevorzugt die Weine vom rechten Ufer der Gironde, von Pomerol und St-Émilion, wo vor allem die früh reifende, weich schmeckende Merlot-Traube angebaut wird. Die Engländerin schätzt hingegen mehr die Gewächse im Médoc, dem Land des späten, herben Cabernet-Sauvignon auf der gegenüberliegenden Seite.

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