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Weiße Biotechnologie schont Ressourcen

Verband EuropaBio will der neuen Technologie über höhere EU-Förderung zum Durchbruch verhelfen

SUSANNE BERGIUS
HANDELSBLATT, 10.10.2003
Wer erinnert sich nicht an die großen Waschmitteltonnen? Mehrere Becher Pulver waren für einen Waschgang früher nötig. Heute tun es zwei Tabletten. Möglich machen das unter anderem Enzyme. Sie beseitigen Fett-, Obst- oder Blutflecken und sonstigen Schmutz rascher und ohne viel Chemie. Weniger Rohstoffe, weniger Schadstoffe, weniger Verpackung, weniger Kosten - und ein viel schonenderer Umgang mit Ressourcen und Wasser bei der Herstellung als auch bei der Anwendung. So lautet das Prinzip der "weißen" Biotechnologie.

Zwar hält diese eher stillschweigend Einzug. Experten sehen in ihr aber einen bedeutenden Wachstumsmarkt. Die europäische Branchenorganisation EuropaBio erwartet, dass weiße Biotechnologie in zehn Jahren bei etwa zehn Prozent der gesamten Produktion verwendet wird und einen Mehrwert von 11 bis 22 Mrd. Euro schafft. Sie umfasst sowohl die Nutzung erneuerbarer Ressourcen (Biomasse) als auch den Gebrauch von Mikroorganismen wie Enzymen, Bakterien und Hefepilzen als Biokatalysatoren. "In vielen Fällen gehen ökonomische und ökologische Vorteile Hand in Hand", sagt Feike Sijbesma, Vorstandschef von EuropaBio und Vorstand des niederländischen Chemiekonzerns DSM.

Anders als bei der Gentechnik, bei der Pollenflug alte Getreidesorten genetisch verändern kann, besteht bei weißer Biotech kein solches Risiko. Prozesse und Gebrauch genetisch modifizierter Mikroorganismen finden in geschlossenen Behältern statt. Bei der Entnahme werden die Organismen kontrolliert getötet. Das sei nicht schwierig und werde durch Inspektionen der Aufsichtsbehörden regelmäßig überprüft, heißt es in der Branche.

Bereits 2001 kam die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) anhand von 21 Fallstudien zu dem Ergebnis, weiße Biotechnologie senke entweder die Kosten oder die Emissionen - oder beides. "Sie führt zu einem nachhaltigeren Prozess, einem kleineren ökologischen Fußabdruck im weitesten Sinne, indem sie die Nutzung von Energie, Wasser und Abwasser sowie die Treibhausgasproduktion ganz oder teilweise senkt." Die OECD forderte konkrete Vorschläge der Branche, um die Entwicklung zu beschleunigen. Die EU-Kommission schloss sich an.

Im Frühjahr zeigte EuropaBio nun durch Praxistests von sechs Konzernen Lösungsmodelle. Der Verband will eine breitere Anwendung anregen und das Vorurteil widerlegen, Investitionen in die Umwelt seien zu teuer. Unabhängige Institute, etwa das renommierte Öko-Institut in Freiburg, haben die Öko-Effekte geprüft. Ergebnis: Die ökonomischen und ökologischen Vorteile sind beeindruckend. Alle Firmen, die bei den Tests dabei waren, nutzen die neuen Verfahren inzwischen serienmäßig.

BASF beispielsweise benötigt für die Herstellung von Vitamin B2 nur noch einen biologischen Prozess statt zuvor sechs chemischen Schritten und senkte die Kosten um 40 Prozent. Bei der DSM verringerten sich Energie- und Materialverbrauch zur Herstellung eines Antibiotikums um je 65 Prozent. Der dänische Hersteller Novozymes ersetzte die heiße alkalische Lösung zur Textilreinigung durch ein Enzym. Die Wasserbelastung sank um 60 Prozent, der Energieverbrauch um ein Viertel. Die Technik ist zudem 20 Prozent billiger. "Vor vier Jahren sprach man kaum über diesen Teil der Biotechnologie. Jetzt ist sie angekommen und hat eine Menge zu bieten", resümiert Vorstandschef Steen Riisgaard.

Weitere Beispiele: Cargill Dow stellt einen Bio-Kunststoff her, der die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen um bis 50 Prozent und die Treibhausgasemissionen um bis zu 78 Prozent verringert. Bakterien bilden dabei langkettige Bio-Polymere, die chemische Polymere in Textilfasern oder Kunststoffen ersetzen können. Der natürlich hergestellte Grundstoff ist biologisch abbaubar.

DuPont produziert ein Bio-Polymer für Textilien durch die Nutzung von Getreide-Traubenzucker. Das kappt den fossilen Rohstoffverbrauch um die Hälfte. Biopolymere finden sich in Kleidung, CD-Spieler oder Walkman. Allerdings seien sie derzeit wegen der in Europa hohen Rohstoffkosten für Zucker und pflanzliche Öle nur in Nischenmärkten rentabel, teilt DuPont mit.

Ähnliches gilt für den Biotech-Einsatz für chemische Massengüter. "In den nächsten fünf bis zehn Jahren aber werden infolge steigender Nachfrage immer mehr mit Hilfe weißer Biotech hergestellten Produkte wirtschaftlich und konkurrenzfähig", meint Sijbesma. Das zeigten die USA, wo die Technik viel weiter entwickelt sei und Markenhersteller von Kleidung und Matratzen sie serienmäßig einsetzten. Künftig könne sie weiteren Bereichen der Pharma-, Chemie-, Textil- und Reinigungsmittelindustrie sowie der Spielzeug-, Kosmetik-, Papier-, Lebensmittel-, Automobil- und Energieindustrie dienen. Auch der Maschinenbau wird laut Sijbesma profitieren, denn er müsse die Maschinen für die Fermentationsprozesse herstellen. Bis zur Verwendung in der Elektronik sei es aber noch ein weiter Weg.

Eine große Hürde für die Verbreitung der weithin noch vor ihrem technischen Durchbruch stehenden Technologie sei ihre recht geringe Bekanntheit. Betrieben und Politikern müsse noch bewusst werden, dass solche Verfahren möglich und vorteilhaft seien, sagt Sijbesma. Anfangs bedürfe die Technologie ähnlich wie Solartechnik oder Bioethanol für Fahrzeuge einer Förderung - der Erfolg dürfe nicht dem Zufall überlassen bleiben. Das gelte insbesondere für die Forschung und Entwicklung. Finanzielle Anreize seien gerechtfertigt, zumal Recycling-Kosten vermieden würden.

"Die USA fördern die Branche mit mehr als 100 Mill. Dollar stark, die EU nur häppchenweise", kritisiert Sijbesma. Die Union gebe zwar mehr als ein Drittel ihrer Technologie-Förderung von jährlich sechs Mrd. Euro für Biotech aus - aber nur einen Bruchteil für weiße Biotechnologie. "Den Anteil wollen wir erhöhen", sagt Sijbesma. "Nicht nur Unternehmen, auch Staaten müssen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr nehmen."

EuropaBio, der 12 000 Unternehmen repräsentiert, regte eine Diskussionsplattform unter Führung der EU-Kommission an. Der Verband hat dies den Kommissaren für Industrie (Erkki Liikanen), Forschung und Entwicklung (Philippe Busquin) und Umwelt (Margot Wallström) vorgeschlagen. Die Reaktion war positiv, viel geschehen ist jedoch nicht. Es könne schneller gehen, so Sijbesma: "Wenn wir nichts tun, laufen wir den USA immer mehr hinterher." Die EU-Staats- und Regierungschefs hätten auf dem Gipfel in Lissabon 2000 das Motto ausgegeben, die EU werde 2010 der wettbewerbsfähigste Wirtschaftsraum der Welt sein. Seither aber sei der Rückstand zu den USA nur größer geworden. "Wir müssen also sehr schnell reagieren."

Auch bei den weit über Weltmarktniveau liegenden Grundstoffpreisen sei die EU gefordert. Sijbesma strebt zwar keinen Abbau von Subventionen an, denn wenn die Bauern verschwinden, verschwinden auch die Rohstoffhersteller. "Aber der Ackerbau muss wettbewerbsfähiger werden." Die EU könne Zusammenschlüsse und Kooperationen erleichtern. Das mache eine großflächigere und damit preiswertere Bodennutzung möglich.

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