Weiter Rätsel um Gaseinsatz
Putin droht mit massiver Vergeltung

Nach dem gewaltsam beendeten Geiseldrama in Moskau hat Russlands Präsident Wladimir Putin am Montag ein massives Vorgehen gegen den Terrorismus angedroht. Russland werde bei terroristischen Bedrohungen mit Massenvernichtungswaffen mit gleichen Mitteln zurückschlagen, sagte Putin auf einer Sitzung der Regierung. Der Kreml hatte am selben Tag Staatstrauer für die 117 getöteten Geiseln angeordnet.

HB/dpa MOSKAU/KOPENHAGEN/BERLIN. Scharfe Kritik übte Russland an einem am Montag in Kopenhagen eröffneten "Weltkongress der Tschetschenen". Moskau warf der dänischen Regierung vor, sich zu Helfershelfern von Terroristen zu machen. Die Bundesregierung in Berlin drang auf Gespräche der EU mit der russischen Führung über deren Tschetschenien-Politik.

"Der internationale Terrorismus wird immer dreister", sagte Putin. "Russland wird sich auf keinerlei Abkommen mit Terroristen einlassen und wird sich keiner Erpressung beugen." Sollte Russland mit Massenvernichtungswaffen bedroht werden, werde es "mit gleichen Mitteln antworten an allen Orten, an denen sich Terroristen, ihre Organisationen, ihre ideellen oder finanziellen Drahtzieher befinden". Entsprechend werde er die Streitkräfte anweisen.

Moskauer Ärzte erklärten, die Polizei habe sie nicht über das bei dem Sturmangriff vom Samstagmorgen eingesetzte Betäubungsgas informiert. An der Wirkung des Gases waren 115 der 117 ums Leben gekommenen Geiseln gestorben. "Wir haben die Patienten anhand der Symptome behandelt", sagte der Chefarzt der Sklifosowski- Unfallklinik, Alexander Jermolow. Russische Medien kritisierten, dass die Behandlung der Opfer nach dem Gaseinsatz schlecht vorbereitet worden sei.

Trauerfeiern für die Opfer

Gläubige aller Religionen gedachten in Gottesdiensten und Trauerfeiern der Opfer des Überfalls tschetschenischer Terroristen auf das Musical-Theater in Moskau. Vor dem Theater legten Menschen Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

Am Montagmittag standen noch etwa 400 der rund 700 befreiten Geiseln in Krankenhäusern unter ärztlicher Beobachtung, darunter neun Kinder. 45 Opfer schwebten noch immer in Lebensgefahr. Sie litten an den Folgen des Einsatzes des nicht genau identifizierten Gases. Die Zahl der Toten stieg seit Sonntag nicht weiter.

Angehörige drängten sich weiter vor Kliniken der russischen Hauptstadt und warteten auf die Entlassung der ehemaligen Geiseln. 30 bis 40 Familien von Entführungsopfern hätten noch keinerlei Nachricht vom Schicksal ihrer Verwandten erhalten, meldete die Agentur Interfax. Die Stadt Moskau kündigte Hilfszahlungen an die Familien getöteter Geiseln von 100 000 Rubel (3225 Euro) pro Opfer und 50 000 Rubeln für verletzte Geiseln an.

Fahndung nach Komplizen der Terroristen

In der von Russland abtrünnigen Teilrepublik Tschetschenien tötete die Armee nach eigenen Angaben in der abgelaufenen Woche 32 Rebellen. Die russische Führung hatte nach dem Ende des Geiseldramas angekündigt, in ganz Tschetschenien nach Komplizen der Terroristen von Moskau zu suchen. 50 Tschetschenen, die seit dem vergangenen Mittwoch etwa 900 Menschen als Geiseln gehalten hatten, waren bei dem Zugriff von Spezialeinheiten am Samstag getötet worden.

Den beiden befreiten Geiseln aus Deutschland, die in München behandelt werden, gehe es wieder sehr gut, sagte der Toxikologe Thomas Zilker. Bei der gewaltsamen Befreiung seien keine Nervenkampfstoffe eingesetzt worden, sondern wahrscheinlich ein Narkosegas in Form chlorierter Kohlenwasserstoffe. Es handele sich nicht um Chloroform, sondern offenbar um eine ganz ähnliche Substanz.

Der Hamburger Bio- und Chemiewaffenexperte Jan van Aken führte die Todesopfer unter den Geiseln zum Teil auf das Konto der strengen Geheimhaltung der russischen Behörden zurück. Wäre die Zusammensetzung des verwendeten Gases bekannt gewesen, hätten die Ärzte die Geiseln besser und gezielter behandeln können, sagte er der dpa.

Bundesregierung fordert politische Konfliktlösung ein

Nach dem Ende des Moskauer Geiseldramas dringt die Bundesregierung auf Gespräche der EU mit dem russischen Präsidenten Putin über dessen Tschetschenien-Politik. Auf dem von Kopenhagen nach Brüssel verlegten EU-Russland-Gipfel am 11./12. November seien wichtige Themen - auch Tschetschenien - zu besprechen. Regierungssprecher Bela Anda bekräftigte die deutsche Forderung nach einer politischen Lösung des Konflikts.

Putin sagte am Montag aus Verärgerung über die privat organisierte Konferenz des "Tschetschenischen Weltkongresses" in Kopenhagen seinen Dänemark-Besuch am 11./12. November ab. Die dänische EU- Ratspräsidentschaft hatte den EU-Russland-Gipfel zuvor wegen der Moskauer Proteste von Kopenhagen bereits nach Brüssel verlegt.

Mit einem Appell an den Kreml zur Aufnahme sofortiger und bedingungsloser Friedensverhandlungen reagierte die politische Führung in der russischen Teilrepublik Tschetschenien auf das blutige Ende der Geiselnahme in Moskau. Zum Auftakt des Tschetschenien- Kongresses distanzierten sich die Delegierten von dem Moskauer Terroranschlag.

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