Weiterbildung kommt gut an - wenn sie nicht zu lange dauert
Aufbaustudium steigert den Marktwert

Projektmanagment, Europastudium, Communication Engineering - das Angebot an weiterführenden Studiengängen ist riesig. Doch wann lohnt der Anbau? Was ist bei der Auswahl wichtig?

MÜNSTER. Ein miefiges Lehrerzimmer im Münsterland, gefrustete Pädagogen, Altersschnitt um die 50, Grüppchenbildung. Nach einigen Berufspraktika stand für den angehenden Pädagogen Stefan H. fest: "Grundschullehrer werde ich auf keinen Fall." Damit hörten die Vorstellungen von seinem Werdegang schon auf.

Seine Nebenjobs im Studium hatten allerdings immer mit fremden Kulturen zu tun gehabt. Mal arbeitete der 28-Jährige als Wahlbeobachter in Skopje. Mal als Deutschlehrer in Barcelona. Oder als Kartograf am Geografie-Institut der Uni Münster. Dort brachte er Weidegebiete zu Papier, auf denen sich einst die Aromunen, ein südosteuropäisches Hirtenvolk, tummelten.

Mit der vagen Idee, "irgendwas mit Kultur" machen zu wollen, suchte H. nach dem Ersten Staatsexamen ein passendes Aufbaustudium. Nach Gesprächen mit Freunden und Studienberatern entschied er sich für den Masterstudiengang Europäische Kultur und Wirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Menschen aus aller Welt treffen, Sprachen lernen, sich mit Fragen internationaler Identität beschäftigen. Genau Stefans Ding.

Starthilfe in den Traumjob

Wie H. geht es vielen Studenten: Sie stellen fest, dass der bisher eingeschlagene Weg nicht zum Traumjob führt. Der Wunsch nach einer beruflichen Neupositionierung oder pures Interesse an einem Sachgebiet sind laut Hochschul-Informations GmbH-System die Gründe, warum sich immer mehr Studenten zu einem weiterbildenden Studium entschließen. Die meisten hoffen, über ein Aufbaustudium ihren Marktwert zu steigern. Sie wollen in zwei bis vier Semestern nachholen, was ihnen an Fachwissen, Auslandsaufenthalt oder Praxis fehlt.

Tropenwasserwirtschaft, Afrikanologie oder Organisationspsychologie. Alles ist möglich. Über 60 000 Studenten waren vorletztes Wintersemester in weiterführenden Studiengängen eingeschrieben. Knapp 1 800 Angebote zählt die Bonner Hochschulrektorenkonferenz derzeit. Und jedes Jahr kommen 300 neue hinzu. Die Idee zu neuen Aufbaustudiengängen keimt vor allem dort, wo Zukunftsmärkte entstehen und das Angebot an qualifizierten Kräften dünn ist, etwa in der Molekularbiologie oder der Informationstechnologie.

Welcher Typ passt zu mir?

Begehrt sind auch wirtschaftswissenschaftliche Aufbaustudiengänge: Das Angebot richtet sich an Ingenieure, Ärzte, Geistes- oder Sozialwissenschaftler, die betriebswirtschaftliche Kenntnisse erwerben wollen.

Wirtschaftswissenschaftler, die sich spezialisieren möchten - auf Finanzwesen, Marketing oder Controlling -, finden ebenfalls ein reiches Angebot. Außerdem entstehen neue Disziplinen, wo wirtschafts-, natur- und ingenieurwissenschaftliche Fächer miteinander verschmelzen.

Vor allem für Geisteswissenschaftler konzipiert sind viele international ausgerichtete Studiengänge. "Darüber hinaus ist das speziell auf diese Gruppe zugeschnittene Angebot eher bescheiden", sagt Studienberaterin Eva Fischer aus Bochum.

Komplex ist nicht nur die Fächerpalette. Es gibt verschiedene Typen von weiterführenden Studiengängen. Ein Aufbaustudium etwa zielt darauf, das im Erststudium erworbene Wissen zu erweitern. Oder es bietet eine Qualifikation in einem neuen Fach. Enger angelegt ist der Zusatzstudiengang, der der Spezialisierung in dem abgeschlossenen Studienfach dient.

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Wer sein Wissen auf den neuesten Stand bringen möchte, ist besser mit einem Ergänzungsstudium beraten. Dieses Angebot richtet sich vor allem an Akademiker, die bereits berufstätig sind.

Auch für Berufstätige ohne Hochschulabschluss, denen für die Praxis wissenschaftliche Methoden fehlen, besteht die Möglichkeit, sich in einem weiterbildenden Studium zu qualifizieren. Teilnahmevoraussetzung ist dann mehrjährige Berufserfahrung.

"Weiterbildung kommt bei Arbeitgebern prinzipiell gut an - wenn sie nicht zu lange dauert", sagt Lutz Thimm, Personalmanager bei Kienbaum Executive Consultants in Gummersbach. Eine Faustformel für die maximale Dauer einer Weiterbildung gebe es nicht. Wer bereits die "magische 30" überschritten hat, sollte sich jedoch dreimal überlegen, ob er den Einstieg ins Berufsleben um zwei Jahre hinausschiebt.

Zumal Weiterbildung einen finanziellen Kraftakt bedeutet: Private Bildungseinrichtungen fordern oft gesalzene Studiengebühren. Das Arbeitsamt übernimmt die Kosten nur für Teilnehmer, die von Arbeitslosigkeit bedroht oder betroffen sind. Weiterbildungsstudiengänge staatlicher Hochschulen sind meist kostenlos. Aber nur in Ausnahmefällen können Studenten weiter mit Bafög rechnen.

Drum prüfe, wer sich zweimal einschreibt

Eine weitere Tücke: Nicht jeder Abschluss wird vom Arbeitgeber anerkannt. "Wer nach dem Erststudium noch eins draufsattelt, muss genau zwischen den Angeboten unterscheiden", rät Achim Hopbach, Leiter des Referats Studium und Lehre bei der Hochschulrektorenkonferenz. "Handelt es sich um ein Weiterbildungsstudium, an dessen Ende ein Diplom oder Master steht? Oder um eine Weiterbildungsmaßnahme, bei der man keinen akademischen Grad erlangt, sondern mit einem Zertifikat abschließt?" Wenn Erst- und Weiterbildungsstudium wenig gemeinsam haben, muss ein Bewerber den inhaltlichen Bruch begründen können.

Jeder Langzeitstudent sollte außerdem herausfinden, ob ein weiterbildendes Studium im gewünschten Berufsfeld auf Sympathie trifft. Zuerst sollte klar sein, wie die Anforderungen des Jobs aussehen: Genügen etwa betriebswirtschaftliche Grundlagen, oder ist ein Spezialist gefragt? Lassen sich Wissenslücken nur über ein Vollzeitstudium stopfen oder kommt eine berufsbegleitende Maßnahme in Frage? Überdies besteht die Gefahr, nach viel Mühe als überqualifiziert abgestempelt zu werden - oder ein sehr spezielles Wissen zu erwerben, das in der Praxis keiner braucht.

Jedoch reicht es nicht aus, sich nach dem Arbeitsmarkt zu richten. Genauso wichtig ist die Selbstanalyse: Vielleicht steckt ja hinter den Zweifeln an der eigenen Qualifikation nur die Angst vor dem Berufsleben. Ein weiteres Studium ist dann Flucht statt Hilfe. "Eine Weiterbildung kann aber eine Übergangslösung sein für jene, die nicht direkt in ihren Traumjob einsteigen können", sagt Studienberaterin Eva Fischer.

Für Stefan H. ist Europäische Kultur und Wirtschaft keine Überbrückungstaktik. "Ich kann mich mit dem, was ich jetzt tue, identifizieren." Seine Arbeitsmarktchancen, glaubt er, stehen mit seinen Zusatzqualifikationen gut. Etwa im Tourismus. "In Mazedonien liegt unglaubliches Potenzial", schwärmt er. Schon wegen der Aromunen.

Quelle: Junge Karriere

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