Weitere Komplizen noch nicht ausgeschlossen.
Rätsel um Handy-Warnungen vor Erfurt-Massaker

Zwei Wochen nach dem entsetzlichen Schulmassaker von Erfurt kommen immer mehr Details ans Licht. Es gibt mindestens eine Zeugenaussage über eine Warnung per Handy.

dpa ERFURT. Die Ermittler arbeiten am Mosaik eines Verbrechens, das ganz Deutschland verändert hat. Zwei Wochen nach dem entsetzlichen Schulmassaker von Erfurt kommen immer mehr Details ans Licht, was genau am 26. April im Erfurter Gutenberg-Gymnasium geschah. Die Frage nach etwaigen Komplizen rückt nach dem Schock und der Trauer ins Blickfeld. Gab es Warnungen vor der Bluttat, nicht in das Gymnasium zu gehen? Auch die Zahl der Schüsse in so kurzer Zeit gibt Polizei und Staatsanwaltschaft Rätsel auf.

Sicher ist: Der 19-jährige Todesschütze Robert Steinhäuser erschoss in Killermanier 16 Menschen. Für den Mordfeldzug brauchte der schwarz maskierte Ex-Schüler im weitläufigen Gebäude nur 10 bis 20 Minuten. 70 Schüsse hallten durch die Gänge, bevor sich Steinhäuser mit seiner «Glock 17» tötete. Die Pumpgun lag mit einer im Lauf verklemmten Patrone unbenutzt neben ihm. Um 11.20 Uhr berichtete der Lehrer Rainer Heise der Polizei, er habe den Täter eingeschlossen, und übergab den Schlüssel zu dem Raum, in dem die Leiche gefunden wurde.

Die Ermittler fragen sich: Konnte die Tat in dieser kurzen Zeit von einer Person verübt werden? Sie können mögliche Komplizen bislang nicht hundertprozentig ausschließen. «Wir müssen es noch ins Kalkül ziehen», sagt Staatsanwalt Michael Heß. Mehr als 800 potenzielle Zeugen sollen vernommen werden. Rund 320 wurden bis Freitag befragt. Doch die Vernehmungen gestalten sich schwierig: 120 Aussagen davon ergaben keine Hinweise auf die Straftat.

Außerdem widersprechen sich die Aussagen zum Teil. Nach wie vor wollen Schüler einen 1,70 großen Mann mit Pistolen, andere einen 1,80 Meter großen mit Gewehr gesehen haben. Es gibt mindestens eine Zeugenaussage über eine Warnung per Handy. Die Ermittler prüfen Anrufe und Kurznachrichten, um mögliche Komplizen auszuschließen. Auch wenn die Warnung in einem Fall wohl nicht in direktem Zusammenhang mit der Tat steht: Allein die Frage nach Mitwissern schürt die Angst, unter der viele Gutenberg-Schüler und Lehrer noch immer leiden. «Der Gedanke ist unerträglich», sagt die Mutter der 13- jährigen Saskia.

Widersprüchlich ist auch das Bild, das Experten vom Täter zeichnen. In seinem Zimmer in der gutbürgerlichen Wohnung der Eltern fand die Polizei Gewaltvideos und-spiele, «in denen Menschen abgeschlachtet werden», aber auch Kassetten mit Aufzeichnungen der Fernsehserie «Lindenstraße». So genannte Profiler beschreiben Steinhäuser als Einzelgänger. Laut Polizeichef Rainer Grube hatte er «keinen festen Freundeskreis». Andererseits drehte er mit Mitschülern an einem Videostreifen, in dem die Hauptfigur in einen Bandenkrieg gerät und tödliche Rache nimmt.

«Woher der Hass?» fragen nicht nur die Eltern des Todesschützen. Dass Steinhäuser im Oktober 2001 ein Schulwechsel nahe gelegt wurde, nachdem die Fälschung von Krankmeldungen aufflog, kann nach Ansicht vieler Schüler nicht der einzige Grund für das Massaker sein. Öffentlich bekannten seine Eltern, dass ihr Sohn schon lange in einer Scheinwelt lebte. «Es ging immer ums Schießen, es ging immer um Gewalt», sagte sein Vater. Der Versuch gegenzusteuern war vergeblich. Fast sechs Monate lang verschwieg ihnen ihr Sohn, dass er nicht mehr zur Schule ging und Waffen gekauft hatte.

In zwei Wochen wollen die Ermittler den Tathergang aufwendig rekonstruieren. Das soll ihnen die Gewissheit bringen, dass Steinhäuser verantwortlich ist für das Massaker. Polizeichef Grube ist Realist: Danach werde es noch immer weiße Flecken geben. «Auch bei der Person Robert Steinhäuser.»

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