Weitere Problemkandidaten ausgemacht
Analysten sehen weitere Ausrutscher am Neuen Markt

Anleger sollten weiter sehr vorsichtig agieren und sich ihre Kaufkandidaten genau anschauen.

Reuters MÜNCHEN. Wer nach den Kurseinbrüchen am Neuen Markt im März geglaubt hatte, das Gröbste sei überstanden, hat sich möglicherweise getäuscht. Bintec, Infomatec und Gedys heißen einige der schwarzen Schafe, die jüngst Gewinnwarnungen ablieferten oder optimistische Prognosen nicht erreichten. Infomatec sieht sich gar mit einer Klage der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre wegen Betrugs konfrontiert. Analysten stimmen darin überein, dass manche Unternehmen im Wachstumssegment Probleme mit ihrer Kommunikation haben und wohl auch einige Vorstände mit ihren Aufgaben überfordert sind. Ergo, so Marktkenner, dürften die jüngsten Horrormeldungen nicht die letzten gewesen sein.

"Ich glaube nicht, dass das die letzten Unternehmen vom Neuen Markt waren, die mit solchen Mitteilungen auf den Markt gekommen sind", sagt Peter Thilo Hasler von der Münchener Hypovereinsbank(HVB). "Da gibt es eine Menge von Unternehmen, die nicht reif sind und schlechte Produkte haben", sagt ein Frankfurter Analyst. Einer seiner Branchenkollegen sieht vor allem bei den Internet-Werten "noch die ein oder andere Überraschung kommen".

Überrascht hatte zuletzt auch der Augsburger Anbieter von Internet-Systemen, Infomatec AG, der in einer Ad-Hoc-Meldung das Volumen eines zuvor angekündigten Auftrags deutlich reduzieren musste. Eine Woche später korrigierte das Unternehmen seine Umsatz-Prognose für 2000 von 90 bis 100 Mill. Euro auf rund die Hälfte herunter. Die Nürnberger BinTec AG kündigte vergangenen Montag plötzlich für das Gesamtjahr statt des bislang erwarteten Gewinns von 1,2 Mill. Euro einen Verlust von fünf Mill. Euro an. Und der Braunschweiger Software-Hersteller Gedys musste einräumen, dass die Umsatzerwartungen und Prognosen "zu optimistisch" waren.

Die Börse strafte alle drei Unternehmen kräftig ab - kurze Zeit nach den Veröffentlichung der Zahlen notierten ihre Kurse auf Rekordtiefs.

HVB-Analyst Hasler sieht unter anderem in dem rapiden Wachstum mancher Gesellschaften am Neuen Markt ein Problem. Das Management, das häufig aus den Firmengründern bestehe, komme nicht immer mit den steigenden Anforderungen zurecht, erläutert er. Ein anderer Analyst sagt es deutlicher: "Bei vielen Neuen Markt-Werten hapert es einfach am Management - es gibt da Gesellschaften, bei denen ich empfehlen würde, den Vorstand zu wechseln." Gerade den Gründern fehle manchmal der neutrale Blick auf das Unternehmen und die Erfahrung. Kein Wunder - von der Unternehmensgründung bis zur Erstnotiz dauert es manchmal nicht mehr als zwei Jahre.

Hinzu kommt nach der Einschätzung von Analysten die Neigung mancher Unternehmen, gerade das zu machen, was angesagt - also "en vogue" - ist. Die Unternehmensstrategie gleiche dann eher "einem Schlingerkurs".

Auch die Öffentlichkeitsarbeit einiger Gesellschaften und ihr Kontakt zu den Investoren (Investor-Relations) laufe nicht immer optimal. Analysten kritisieren, dass manche Gesellschaften Ad-Hoc-Mitteilungen eher als Werbe- denn als Informationsmittel verstehen. "Das sind zum Teil gar keine Pflichtmeldungen, aber sie pushen den Kurs", sagt einer. Den Grund hierfür schiebt er gleich hinterher: "Manche Werte am Neuen Markt besitzen entweder gar keine Investor-Relations-Agentur oder nur eine schlechte."

Auch wenn der ein oder andere private Anleger jetzt voll Sorge auf die nächste Schreckensmeldung wartet: Die gegenwärtige Entwicklung ist nach Meinung einiger Analysten eher ein positives Zeichen, das für eine Normalisierung steht. Der Neue Markt gelange nun nach all der Euphorie wieder in ein normales Fahrwasser, heißt es. Dass dies für manchen Privatanleger ein schmerzlicher Prozess werden könnte, wird unumwunden eingeräumt: "Das wird besonders hart für diejenigen, die erst seit drei Monaten den Wirtschaftsteil der Zeitung lesen.

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