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Weitere Widersprüche kann Fischer sich nicht mehr leisten

Als der 21 Jahre alte Joschka Fischer 1969 an der PLO-Konferenz von Jassir Arafat in Algier teilnahm, war er - mit Verlaub - ein politischer Wirrkopf. Mittlerweile ist Fischer Außenminister und Arafat Träger des Friedensnobelpreises.

Was spielt es also heute nach 32 Jahren noch für eine Rolle, ob der damalige Frankfurter Sponti die Konferenz in Algier nach einer Stunde aus Langeweile verließ oder ob er begeistert bis zum Ende aushielt?

Eigentlich sind solche Details banal. Dennoch werden sie mit größtem Aufwand der vagen Erinnerung von Zeugen entrissen, die nicht alle sonderlich vertrauenswürdig sind. Auch die Sorgfalt mancher Recherchemethoden darf man anzweifeln, und Fischer mag laut darüber klagen. Letztlich aber hat er sich die Suppe, die er jetzt auslöffeln muss, selbst eingebrockt.

Es kann ja sein, dass Fischer sich nach 32 Jahren nur noch schemenhaft an den Aufenthalt in Algier erinnert. Gleiches würde man ihm in Bezug auf den Kontakt zur früheren RAF-Terroristin Margrit Schiller zubilligen. Aber Fischer musste doch wissen, wie ernst die Lage war, als er in Interviews, Fragestunden des Bundestages oder in der Zeugenvernehmung vor dem Frankfurter Landgericht intensiv nach seiner Vergangenheit befragt wurde.

In dieser Situation sollte man genau nachdenken, präzise antworten oder sich im Zweifel auf Erinnerungslücken berufen, die nach mehreren Jahrzehnten durchaus plausibel gewesen wären. Statt dessen gab Fischer sich selbstbewusst und unverwundbar, verstrickte sich in Widersprüche oder ließ seinen Staatsminister Ludger Volmer Auskünfte geben, die sich wenig später als eindeutig falsch herausstellten.

Gefährlich für Fischer ist jetzt nicht mehr die Frage, ob er eine oder vier Stunden auf der PLO-Konferenz war oder ob Margrit Schiller zwei oder drei Tage in einer benachbarten Wohnung übernachtet hat. Angesichts der zugespitzten Situation zählt jetzt nur noch die Frage, ob der Außenminister die Wahrheit sagt oder lügt - egal wozu.

Der auffallende Diensteifer der Frankfurter Staatsanwaltschaft könnte sich dabei für Fischer noch als Glück im Unglück erweisen. Wenn die Strafverfolger mit dem hessischen Justizministerium vorab über den Fall Fischer beraten und erst danach eine Ermittlung einleiten, drängt sich schon der Verdacht auf, die Landesregierung des selbst ernannten Spendenaufklärers Roland Koch wolle einen "brutalstmöglichen" Entlastungsangriff führen.

Für politische Einflussnahme spricht auch die Einschätzung des Gerichtsvorsitzenden, vor dem Fischer seine umstrittene Zeugenaussage gemacht hat. Der Richter nennt die Ermittlung der Justizkollegen gegen Fischer wegen des Verdachts der uneidlichen Falschaussage "hochgradig lächerlich" - eine bemerkenswerte Einschätzung.

Trotzdem ist Fischer gewarnt. Er wird sich künftig anwaltlichen Beistand sichern und den Umgang mit der Justiz nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen. Gleiches gilt für den Untersuchungsausschuss, den die Opposition in Aussicht gestellt hat. In der bewegten Vita des Außenministers werden sich sicherlich noch zahlreiche Details finden lassen, mit denen man Fischer konfrontieren und auch kompromittieren will. Man wird künftig einen schweigsameren und vorsichtigen Außenminister erleben. Neue Widersprüche kann er sich nicht mehr leisten.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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