Weitere Zinssenkungen erwartet
Der Abwärtstrend ist ungebrochen

Kaum hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsschraube gelockert, erwarten führende Ökonomen schon die nächste Zinssenkung. Die Begründung: sinkende Inflationsraten, schwaches Wirtschaftswachstum und ein immer stärkerer Euro.

FRANKFURT/M. Klaus Baader, Senior Economist bei Lehman Brothers, sieht den Euro-Leitzins Ende 2003 bei 1,5 %. Er hält die Prognosen der EZB, die Mitte Juni veröffentlicht werden, für zu optimistisch. Sie sollen im Jahresdurchschnitt 2004 ein Wachstum von rund 2 % und eine Inflationsrate von 1,5 % vorhersagen. "Dagegen erwarten wir eine Teuerung von 0,7 % und ein Wachstum von unter 2,0 % bis Ende 2004", sagt Baader. Die Ursache der Abweichung: Die EZB arbeitet mit konstanten Wechselkursen; Baader unterstellt per Ende 2003 einen Euro-Kurs von 1,23 und Ende 2004 von 1,30 Dollar. am Donnerstag lag der EZB-Referenzkurs bei 1,1775 Dollar.

Ein teurerer Euro vermindert die Exporte, auf die 2002 drei Viertel des mageren Wachstums im Euro-Raum entfielen. Modellrechnungen von Lehman Brothers legen nahe: Eine zehnprozentige Aufwertung des Euros gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner des Euro-Raums senkt das Wachstum um 0,4 bis 0,5 % und die Inflationsrate um 0,6 bis 0,8 %. Im Durchschnitt des Monats Mai lag dieser Wechselkurs bereits um 15,7 % über dem Vorjahreswert.

Stefan Bielmeier, Senior Economist bei der Deutschen Bank, geht davon aus, dass die EZB den Leitzins im vierten Quartal auf 1,5 % senkt, "um der Konjunktur Impulse zu geben". Er erwartet im Jahresdurchschnitt 2004 ein Wachstum von 1,8 %. Auch Bielmeier rechnet mit einer weiteren Euro-Aufwertung: "Obwohl die Wachstumsaussichten in den USA besser sind als im Euro-Raum, sollte sich die positive Zins- und Renditedifferenz zu Gunsten des Euros auswirken." Der US-Leitzins beträgt 1,25 %. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag am Donnerstag bei 3,271 %, verglichen mit 3,616 % der deutschen.

Die US-Renditen sind derzeit niedrig, weil die Märkte darauf spekulieren, dass die US-Notenbank Staatsanleihen kaufen wird, um die Gefahr einer Deflation abzuwenden. "Für die USA fallen zudem das hohe Leistungsbilanzdefizit und das sich ausweitende Staatsdefizit negativ ins Gewicht", ergänzt Bielmeier. Die Deutsche Bank sieht den Euro in sechs Monaten bei 1,22 und in zwölf Monaten bei 1,25 Dollar. Das Preisumfeld werde sich im zweiten Halbjahr auch durch den Rückgang des Ölpreises von jetzt rund 28 auf 22 Dollar je Barrel verbessern.

"Der Euro ist zurzeit noch fair bewertet", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. "Wenn sich die Euro-Aufwertung aber fortsetzt, ist es gut, wenn die EZB ein Signal gibt, dass sie sich um die Devisenmärkte bemüht." Hüfners Prognose: Innerhalb von zwölf Monaten wird der Euro auf 1,25 bis 1,30 Dollar aufwerten. Die EZB wird die Zinsen im Laufe des Jahres noch einmal um mindestens 25 Basispunkte senken. Auch Hüfner rechnet über die nächsten zwölf Monate mit Wachstumsraten von unter 2 % und sinkenden Inflationsraten.

Nach Ansicht von Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Gruppe, liegt der faire Wert des Euros zwischen 1,10 und 1,20 Dollar: "Das entspricht etwa der Kaufkraftparität und der Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften." Einen Dollar- Crash wie in den 80er-Jahren hält Heise für unwahrscheinlich. Die US-Wirtschaft sei heute in einer besseren Verfassung als damals. Er verweist aber auf die Tendenz der Märkte überzureagieren. "Bei 1,25 oder 1,30 Dollar sollte die EZB die Zinswaffe wieder einsetzen", empfiehlt er und bevorzugt dabei eine Politik der kleinen Schritte. "Die EZB sollte ihr Pulver trocken halten für den Fall, dass die Märkte den Euro noch kräftig überbewerten." Vom Wachstum her sieht Heise keinen Grund, die Zinsen weiter zu senken. Er glaubt, dass die Konjunktur den Wendepunkt erreicht hat.

Auch Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, erwartet, dass die EZB die Zinsen noch einmal senkt, sollte die Konjunktur im zweiten Halbjahr nicht anspringen. Er hält es aber für falsch, die Zinsen wegen des Wechselkurses zu ändern: "Entscheidend ist, was mittelfristig mit der Inflation passiert." Alle Inflationsprognosen, einschließlich der der EZB, seien in den letzten drei Jahren zu optimistisch gewesen. Eine schwache Konjunktur gehe nicht automatisch mit niedrigen Preissteigerungsraten einher. "Die EZB kann sich nicht darauf verlassen, dass die Inflationsrate unter 1,5 % sinkt", warnt Scheide.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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