Weiteres Absinken möglich
Die Politik kann dem Euro nicht helfen

Berlin und Brüssel beschwören einmütig den starken Euro. Vergeblich, denn die Devisenmärkte zeigen sich unbeeindruckt. Experten erwarten, dass die Talfahrt noch längere Zeit anhält.

HB FRANKFURT/M. Auch die verbale Unterstützung zahlreicher europäischer Politiker hat dem Euro gestern zunächst nicht zu einer nachhaltigen Erholung verhelfen können. Der Euro fiel zeitweilig sogar auf ein Allzeittief von 0,8635 $. Bis zum Abend konnte die Währung zwar über 0,87 $ steigen. Händler sprachen aber vor einer ausschliesslich technischen Erholung, die keine Trendwende anzeige. Für ihr heutiges Treffen in Versailles erwohgen die Finanzminister der Euro-11-Staaten noch eine gemeinsame Erklärung zur Stützung der schwächelnden .

Analysten halten ein weiteres Absinken des Euros für möglich. Jan Holthusen von der DG Bank sagte, der Wechselkurs müsse nicht einmal bei 85 Cents Halt machen: "Der Markt hat sich auf den Euro eingeschossen. Im Moment ist auch nichts da, was dagegenhält."

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der am Montag mit Blick auf die positiven Exporteffekte eines schwachen Euros noch erklärt hatte, er sehe in der Euro-Entwicklung eher Anlass zur Freude als zur Sorge, nannte die Euro-Schwäche gestern "nicht schön". In New York sagte Schröder, der gegenwärtig niedrige Euro-Kurs spiegele die wahre Wirtschaftskraft Deutschlands und Europas nicht wider. Vor allem die Äußerungen Schröders vom Wochenanfang wurden an den Märkten für die rasante Talfahrt des Euros verantwortlich gemacht. Auch CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz warf dem Kanzler vor, mitverantwortlich für das neue Rekordtief zu sein, weil er mit seinen Äußerungen das Vertrauen der Devisenmärkte in den Euro geschwächt habe.

Neben Schröder äußerte ebenso das Bundesfinanzministerium die Erwartung auf eine Kurserholung des Euros. Ein Ministeriumssprecher sagte, die derzeitige Euro-Schwäche werde als "temporäre Schwäche, die aber schon zu lange andauert", betrachtet. Insgesamt sehe man für den Euro ein "hohes Aufwertungspotenzial". Zugleich betonte das Ministerium, die Bundesregierung habe ein großes Interesse an einem starken Euro. Alle anderen Interpretationen seien "abwegig". Wegen der starken Belebung in Europa sehe man gute Chancen, dass sich dies auch im Euro-Kurs niederschlagen werde.

Auch Bundesbank-Präsident Ernst Welteke betonte, der Euro sei weiterhin unterbewertet. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf E. Breuer, erklärte dagegen in Athen, er glaube nicht an eine baldige Erholung des Euros. Hauptgrund sei die starke Konjunktur in den Vereinigten Staaten.

Aus Regierungskreisen in Berlin verlautete nach einem Telefonat von Finanzminister Hans Eichel (SPD) mit seinem französischen Kollegen Laurent Fabius, die Finanzminister würden bei ihrem heutigen Treffen in Versailles vermutlich eine Stellungnahme zum Euro veröffentlichen. Darin solle die derzeitige Euro-Schwäche als "nicht im Einklang mit der fundamentalen Stärke der europäischen Wirtschaft stehend" bezeichnet werden. Eichel und Fabius seien sich einig gewesen, dass der Euro unterbewertet sei, erklärte ein französischer Regierungssprecher ergänzend. Ähnlich äußerte sich die EU-Kommission. Ein Kommissionssprecher sagte in Brüssel: "Das gegenwärtige Kursniveau des Euros ist nicht angemessen."

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