Weitreichende politische Auswirkungen
Sterbehilfe in den Niederlanden seit Montag erlaubt

In den Niederlanden ist es als erstem Land der Welt seit Montag den Ärzten erlaubt, unheilbar kranke und stark leidende Menschen zu töten, wenn die Patienten darum bitten. Das Gesetz über die Sterbehilfe hat gegensätzliche Reaktionen ausgelöst.

Reuters AMSTERDAM. Es ist der Vorwurf erhoben worden, dass die Ärzte nun Herren über Leben und Tod seien. Anderseits hat das vor einem Jahr verabschiedete Gesetz ähnlichen Überlegungen im Ausland Auftrieb gegeben.

In den Niederlanden legalisiert das Gesetz eine gängige Praxis. Für das Jahr 2000 hatte die Gesellschaft für Freiwillige Euthanasie (NVVE) 2123 Fälle von Sterbehilfe registriert, wobei allgemein von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird. Das Gesetzt legt erstmals aber die Bedingungen verbindlich fest, die vor ärztlicher Sterbehilfe erfüllt sein müssen: Arzt und Patient müssen überzeugt sein, dass ein Tod unter Qualen bevor steht; es muss eine zweite ärztliche Meinung eingeholt werden, und schließlich überprüft ein Fachgremium, ob die nötige Sorgfalt angewendet wurde. Wenn Zweifel bestehen, schaltet die Prüfungskommission die Staatsanwaltschaft ein.

Die politischen Auswirkungen des Gesetzes reichen vom benachbarten Belgien bis nach Australien. In Belgien hat der Senat des Parlamentes eine Euthanasie-Verlage bereits verabschiedet. Der französische Gesundheitsminister Bernard Kouchner hat zugegeben, als Arzt in Libanon und Vietnam Sterbehilfe geleistet zu haben. Er fordert die Legalisierung auch in seinem Land. In Australien machten die autonomen Nord-Territorien 1996 einen Alleingang, der aber nicht vom Bund übernommen und neun Monate später gestoppt wurde. Die krebskranke Autralierin Nancy Crick (70) kämpft sogar im Internet um ihr Recht auf einen sanften Tod und bittet um Sterbehilfe.

In Großbritannien wurde vor einem Monat einer gelähmten Frau das Recht zugesprochen, sich beim Sterben helfen zu lassen. Ihrer Landsfrau Diane Pretty haben die Gerichte des Landes das verwehrt. Sie will nun vom Europäischen Gerichtshof eine Entscheidung. Sie leidet an einer Erkrankung des motorischen Nervensystems.

Der Begriff Euthanasie ist immer noch verbunden mit der "Tötung lebensunwerten Lebens" in den Jahren 1939 bis 1941 in Deutschland. Nach der Tötung von schätzungsweise 5 000 missgebildeten Kindern und 100 000 geisteskranken Erwachsenen wurde das Euthanasie-Programm wegen der Proteste der Kirchen gestoppt.

Menschenrechtler der Uno haben davor gewarnt, dass das niederländische Gesetz zur routinemäßigen und nicht am Einzelfall orientierten Sterbehilfe führen könnte. Es sei nicht auszuschließen, dass auf die Patienten Druck ausgeübt werde, ihrem Tod zuzustimmen, um rechtliche Komplikationen zu vermeiden. Kritische Anmerkungen gab es auch, weil minderjährigen Kindern Sterbehilfe geleistet werden kann, wenn auch nur mit Zustimmung der Eltern, und dass die Fälle erst nachträglich auf ihre Zulässigkeit geprüft werden. Hinzu kommt die Furcht, das Gesetz werde einen "Euthanasie-Tourismus" auslösen. Im vergangenen Jahr begann die Staatsanwaltschaft in Turin ein Ermittlungsverfahren gegen einen Italiener, der angeblich Landsleuten zur Sterbehilfe in den Niederlanden verhelfen wollte. Die NVVE hat von vielen Anfragen aus dem Ausland berichtet, die sie jedoch abschlägig habe bescheiden müssen. Das Gesetz schreibt nämlich vor, dass Arzt und Patient eng miteinander zu tun gehabt haben müssen, bevor Sterbehilfe möglich ist.

Der niederländische Wim Kok hat es "verdammten Unsinn" genannt, dass Ärzte nun auf legale Weise Menschen töten dürften. Gesundheitsministerin Els Borst sagte kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes, es müsse nun auch alten Menschen geholfen werden, die lebensmüde seien. Im Dezember wurde in den Niederlanden ein Arzt für schuldig befunden, weil er 1998 einem greisen Politiker zum Tode verholfen hatte. Eine Haftstrafe blieb ihm aber erspart, weil das Gericht mit Blick auf das neue Gesetz befand, er habe aus Mitleid gehandelt.

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