Welle der Gewalt ebbt nicht ab
Attentäter tötet elf Menschen in Jerusalemer Café

Der blutige Anschlag galt einem bei Jugendlichen geliebten Lokal - nur rund hundert Meter entfernt vom Amtssitz von Ministerpräsident Ariel Scharon.

rtr JERUSALEM. Ein palästinensischer Selbstmordattentäter hat sich am Samstagabend in einem Cafe in Jerusalem in die Luft gesprengt und dabei offiziellen Angaben zufolge elf weitere Menschen getötet. Bei einem Anschlag in der Küstenstadt Netanja wurden ein Israeli und die beiden Attentäter getötet. Mindestens 88 Menschen wurden bei beiden Anschlägen verletzt.

Das Attentat in Jerusalem galt einem unter Jugendlichen beliebten Café in der Nähe des Sitzes des Ministerpräsidenten. 54 Menschen wurden den Polizeiangaben zufolge verletzt. In Netanja nahmen die Täter einen belebten Fußgängerbereich unter Beschuss. 34 Menschen seien verletzt worden, sagte die Polizei. Unter den fünf lebensgefährlich Verletzten sei ein Baby.

Bei Gegenschlägen tötete die Armee in der Nacht einen Palästinenser im Flüchtlingslager El Amari bei Ramallah im Westjordanland. Er sei der Bruder eines von Israel gesuchten militanten Führungsmitglieds gewesen, hieß es in palästinensischen Sicherheitskreisen. Mit mindestens 30 Raketen zerstörten Kampfhubschrauber palästinensischen Angaben zufolge außerdem das Sicherheitshauptquartier am Sitz des Palästinenser-Präsidenten in Gaza-Stadt. Bei Angriffen auf Gaza-Stadt im Laufe des Samstags wurden palästinensischen Angaben zufolge mindestens 24 Menschen verletzt.

In der Nacht drang die Armee zudem mit Panzern und Planierraupen in das Dorf Tal el Sultan bei Rafah im südlichen Gaza-Streifen ein. Per Lautsprecher seien alle Männer von mehr als 14 Jahren aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen, berichteten Augenzeugen. Offenbar wolle die Armee militante Palästinenser festnehmen. Bereits am Samstag hatte die Armee in Tulkarm im Westjordanland eigenen Angaben zufolge 500 Männer festgenommen und zum Verhör auf einen Militärstützpunkt gebracht. Die Palästinenser-Regierung sprach von 640 Internierten.

Angesichts der jüngsten Eskalation der Gewalt wollen die Europäische Union (EU) und die USA niederländischen Angaben zufolge Israel gemeinsam zur Einstellung seiner Militäreinsätze gegen die Palästinenser drängen. Ein Sprecher des Außenministeriums in Amsterdam sagte weiter, möglicherweise werde die Initiative bereits am Sonntag vorgetragen.

Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte im Bayerischen Rundfunk, in die amerikanisch-europäische Zusammenarbeit müssten Rußland, die UNO und gemäßigte arabische Staaten eingebunden werden: "Es ist sehr wichtig, dass es hier eine gemeinsame internationale Position gibt." Er begrüßte zudem die Rückkehr des US-Unterhändlers Anthony Zinni, der Mitte nächster Woche im Nahen Osten erwartet wird. Israels Ministerpräsident Ariel Scharon hatte zuvor seine Bereitschaft signalisiert, auf seine Vorbedingung einer siebentägigen Phase ohne Gewalt zu verzichten und auch "unter Feuer" über eine Feuerpause mit den Palästinensern zu verhandeln.

Israel machte Palästinenser-Präsident Jassir Arafat persönlich für die Anschläge am Samstag verantwortlich. Beide Taten stammten aus "Jassir Arafats Akademie des Terrors", sagte Gideon Meir, ein ranghoher Vertreter des Außenministeriums. Zu dem Anschlag in Jerusalem bekannte sich die radikale Organisation Hamas, zu Netanja die El-Aksa- Brigaden, ein Arm der Fatah-Fraktion, die von Arafat geleitet wird.

Das Cafe in Jerusalem lag etwa hundert Meter vom Amtssitz Scharons in einer ruhigen Wohngegend. Schlomi Jonatan hörte eine "schlicht atomare Explosion" und kam aus einer benachbarten Pizzeria angerannt. Das Bild, vor dem er stand, werde ihn den Rest seines Lebens verfolgen, sagte er: "Die Leiche am Eingang des Cafes muss die des Attentäters gewesen sein - es war ein Kind!" Der Attentäter war Angaben der Hamas zufolge 20 Jahre alt. Einer der Cafe-Besucher rief Sekunden nach der Explosion bei einem Fernsehsender an und berichtete, kaum dass man ihn unter all den Schreien und Hilferufen der Verletzten verstehen konnte: "Da ist einer rein gekommen und hat sich in die Luft gesprengt. Das ist das Grauenvollste, was ich je gesehen habe!"

Erste Berichte, unter den Toten befänden sich auch Deutsche, bestätigten sich Angaben des Auswärtigen Amtes zufolge zunächst nicht.

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