Welle der Solidarität aus dem ganzen Land
Zehntausende an der Elbe evakuiert

Mit der Evakuierung von zehntausenden Menschen haben sich die Bundesländer entlang der Elbe am Donnerstag auf eine neue Flutwelle eingestellt. Allein im sächsischen Pirna sollten in der Nacht zum Freitag bis zu 30 000 Menschen in Sicherheit gebracht werden. Das Jahrhunderthochwasser setzte auch in der Sächsischen Schweiz zahlreiche Orte unter Wasser.

Reuters DRESDEN/BERLIN. Für Freitag drohte eine erneute Überschwemmung der historischen Altstadt von Dresden. Auch in Sachsen-Anhalt und Brandenburg mussten tausende Menschen ihre Wohnungen verlassen. Zahllose Häuser wurden zerstört.

In Dresden stieg der Wasserstand der Elbe nach Angaben der Behörden mit 8,30 Metern auf den höchsten Stand seit mehr als 150 Jahren. In Sachsen-Anhalt wurde mit der Evakuierungen von Teilen Magdeburgs begonnen, in Brandenburg müssen sich bis zu 35 000 Menschen darauf einstellen, ihre Wohnungen zu verlassen. Die Bundesregierung gab eine erste Soforthilfe von 50 Mill. Euro frei. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) rief die Bürger zu Spenden auf. Der Schaden durch das Hochwasser beträgt nach ersten Schätzungen bereits jetzt mehrere Mrd. Euro.

Bundeswehr und US-Armee helfen bei Evakuierung

Nach Angaben des Krisenstabes in Dresden sollten die durch die neue Flutwelle gefährdeten Bewohner Pirnas und seiner Umgebung in Zeltstädte auf überschwemmungssicherem Gebiet untergebracht werden. Die Bundeswehr versuche, 30 000 Plätze sicher zu stellen, sagte ein Sprecher des Krisenstabes. Sollte sie dazu nicht in der Lage sein, werde die US-Armee Hilfe leisten. Die Altstadt des wenige Kilometer flußaufwärts von Dresden gelegenen Pirna war am Mittag überschwemmt worden.

Die Behörden rechneten damit, dass die Elbe mit einem Wasserstand von 8,70 Metern am Freitagmorgen in Dresden ihren vorläufigen Höchststand erreicht. Im Verlaufe des Freitags seien aber auch 8,80 Meter möglich. 1845 hatte die Elbe einen bisher historischen Wasserstand von 8,77 Metern erreicht. Den ganzen Tag über schichteten Helfer am Elbufer Sandsäcke auf. Auch vor der Semperoper wurde der Schutz verstärkt. Der Zwinger, der bereits in der Nacht zum Dienstag von den Wassermassen erreicht worden war, drohte erneut vollzulaufen. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) sagte, die Katastrophe werfe den Aufbau Ost gebietsweise um zehn Jahre zurück.

Mehrere hundert Bewohner des Dresdner Stadtteils Laubegast wurden vor den schlammigen Wassermassen in Sicherheit gebracht. Nach Angaben des Krisenstabes wurden in ganz Sachsen bislang 29 000 Menschen evakuiert, alleine aus Dresdner Krankenhäusern 1400. Auf der Elbe trieben in rasender Geschwindigkeit Bäume und Bojen vorbei, die von den Wassermassen mitgerissen wurden. Über dem Fluss patrouillierten Bundeswehr-Tornados, um gefährliches Treibgut zu lokalisieren. Von den Elbbrücken schauten hunderte Menschen fassungslos auf die überfluteten Stadtteile.

Trittin fürchtet Dioxin in der Elbe

In dem Ort Weesenstein in der Sächsischen Schweiz waren durch eine Flutwelle nach einem Dammbruch neun Häuser weggerissen worden. "Wenn man das sieht, kann man nur weinen", sagte Bürgermeister Jörg Glöckner. Auch in anderen Orten an Nebenflüssen der Elbe bot sich ein Bild der Zerstörung. Grund für die erneute Elbe-Flutwelle sind die extremen Niederschläge in Nordböhmen, die zu einem dramatischen Anstieg der Moldau geführt haben. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) äußerte die Sorge, dass die Elbe durch eine Chemiefabrik in Tschechien mit hochgiftigem Dioxin und Quecksilber verschmutzt wird. Milbradt sagte, dafür gebe es derzeit keine Hinweise.

In der Moldau-Stadt Prag hatte sich zuvor die Hochwasserlage stabilisiert. Dort wurden mit dem Sinken des Wassers die Schäden an den historischen Bauten der 800 Jahre alten Stadt sichtbar. Die Behörden gehen davon aus, dass Dutzende Palais und Jahrhunderte alte Häuser durch die Fluten beschädigt wurden. Die slowakische Hauptstadt Bratislava erklärte den Notstand. Im zum Teil weiterhin überfluteten Österreich machte sich die Regierung daran, die Staatsfinanzen für die Hochwasserhilfe umzuschichten.

Elbeflut rollt auch auf Brnadenburg zu

Auch in Magdeburg begannen Evakuierungen vor den drohenden Elbefluten. Mit Hilfe des Technischen Hilfswerks würden in der Landeshauptstadt die Patienten eines Krankenhauses sowie der dazu gehörigen Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen evakuiert, hieß es beim Katastrophenstab. Bis zum Samstagabend sollten in den elbnahen Stadtteilen Magdeburgs mehr als 20 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Für die Unterbringung seien fünf Schulen in höher gelegenen Stadtteilen vorbereitet.

Widersprüchliche Angaben gab es darüber, ob auch in Bitterfeld mit Evakuierungen begonnen wurde. Für den Chemiepark Bitterfeld-Wolfen bestand nach Angaben einer Sprecherin der Betreiber keine Gefahr mehr. Bei Dessau stieg der Pegelstand nach vorübergehender Entspannung der Mulde wieder an. Die Lage könne sich weiter zuspitzen, wenn das Wasser des Flusses wegen der Fluten der Elbe aufgestaut werde, hieß es. Die Mulde mündet hinter Dessau in die Elbe. Helfer schleppten unermüdlich Sandsäcke, um Dämme zu verstärken.

Die Wassermassen der Elbe bedrohen auch Städte in Brandenburg. Ein Sprecher des Landesregierung in Potsdam sagte, die erwartete Flutwelle werde aller Voraussicht nach die Deiche bei Mühlberg übersteigen und die 4 000-Einwohner-Gemeinde überfluten. Die Räumung des Stadt sei nahezu abgeschlossen. In den kommenden Tagen müssten im Landkreis Prignitz möglicherweise 30 000 Menschen evakuiert werden.

In Bayern entspannte sich die Lage allmählich. Hunderte Hilfskräfte aus Bayern und Hessen wurden inzwischen nach Sachsen und Sachsen-Anhalt verlegt.

Stoiber besucht Hochwassergebiete im Osten

Kanzler Schröder appellierte an die Bürger, großzügig zu spenden: "Wir brauchen jetzt eine große nationale Anstrengung." Angesichts des katastrophalen Ausmaßes der Schäden werde ein Vielfaches der bisher vom Bund beschlossenen Soforthilfe in Höhe von 385 Mill. Euro benötigt, sagte er. Die EU-Kommission prüft nach eigenen Angaben, wie sie Deutschland und Österreich helfen kann. Zuvor hatte Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) kritisiert, die Soforthilfen der Regierung reichten nicht aus. Stoiber will am Freitag das Katastrophengebiet besuchen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%