Welle des Nationalismus erwartet
Olympia zum Ruhme von Partei und Staat

Bei Olympia 2008 in Peking geht es nicht nur um sportliche Höchstleistungen. Die Spiele lassen eine neue Welle des Nationalismus unter den 1,3 Milliarden Chinesen erwarten. Die kommunistische Führung hofft, die Begeisterung für die Athleten für ihre Propagandazwecke nutzen zu können.

HB PEKING. China soll seinen "rechtmäßigen" Platz in der Welt einnehmen und zu den großen Nationen aufschließen. "Dass China das größte Sportereignis der Welt abhält, zeigt, dass das Land seine Vergangenheit abschüttelt", erinnert der regimekritische Autor Liu Xiaobo an die von den Chinesen empfundenen Erniedrigungen am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals hatte China unter dem Druck der imperialistischen Mächte als "kranker Mann Asiens" gegolten. Es gehe "um die Psyche der Nation". Es sei nicht einfach, die Vergangenheit loszuwerden.

Bei Olympia will China nach seinen Worten den Eindruck eines mächtigen Landes erwecken. "Es soll gezeigt werden, dass sich China erhoben hat und stark geworden ist." Doch empfindet der Vorsitzende des chinesischen PEN-Clubs den Nationalismus in China immer als "ein bisschen merkwürdig". "Dahinter steckt der lange Arm der Regierung", glaubt Liu Xiaobo. So wurden den Zuschauern sogar Schlachtrufe wie "Los geht's, China" und ein Bewegungsablauf vorgegeben, wie sie auf den Zuschauerrängen die Daumen hoch und die Fäuste in die Höhe recken sollen. Seit Wochen übt das Volk den "richtigen Jubel" für das Land. Für Chinas Führung seien Sport und Politik untrennbar verbunden.

Auch der anti-westliche Nationalismus nach den Unruhen in Tibet und den Zwischenfällen beim olympischen Fackellauf sei "in gewissem Maße gesteuert gewesen", sagt Liu Xiaobo. "Es ist ein Zeichen für psychologische Schwäche des Landes. Sie haben doch nur Angst, von anderen kritisiert zu werden", meint der Autor, der zu den wenigen Bürgerrechtlern in China gehört, die noch auf freiem Fuß sind. Die Staatsmedien hätten die Boykotte gegen Frankreich oder die Angriffe auf den US-Nachrichtensender CNN angefacht. "Wer von den vielen Leuten, die im Internet Appelle gegen CNN unterzeichnet haben, können bei sich zu Hause denn überhaupt CNN-Nachrichten empfangen?", fragt Liu Xiaobo. Der amerikanische Sender darf in China nur in ausgewählten Hotels und Ausländerwohnungen gesehen werden.

Auch der Künstler Ai Weiwei kritisiert den Versuch, die Spiele zum Ruhme von Partei und Staat zu nutzen. "Nationalismus ist sehr negativ", sagt Ai Weiwei. "Es ist weder für diese Nation gut noch für irgendjemanden." Dahinter stecke immer ein Mangel an Information oder Verständnis. "Es entsteht ein irriges Gefühl, sich schützen zu müssen", sagt der 51-Jährige, der zu den bekanntesten chinesischen Künstlern der Gegenwart gehört. Der Sohn des berühmten Poeten Ai Qing war als einziger Chinese am Bau des ungewöhnlichen, "Vogelnest" genannten Nationalstadions durch Schweizer Architekten beteiligt. Ai Weiweis Hoffnungen, dass Olympia mehr Offenheit und Freiheit bringen würde, wurden enttäuscht.

Doch er steht zu seinem Beitrag für das Stadion, auch wenn ihn die olympische Propagandashow anwidert. Ob sich die Führung damit legitimieren wolle? Er bezweifelt, dass das gelingen kann. "Die Menschen haben heute bessere Entscheidungsmöglichkeiten." Es gebe das Internet. Trotz aller Zensur seien andere Meinungen zu hören. "Selbst die Regierung braucht besser informierte Bürger anstelle dumpfen Nationalismus'", sagt der Künstler.

Die Welle der Hilfsbereitschaft nach der Erdbebenkatastrophe in Sichuan mit mehr als 80 000 Toten ist für viele ein Paradebeispiel, welche Vorteile ein freier Informationsfluss hat. Anders als früher hatten die Staatsmedien in den ersten Tagen ziemlich frei aus Sichuan berichtet, auch wenn später die Kontrolle wieder anzog und die Heldentaten der Volksbefreiungsarmee in den Mittelpunkt rückten. "Ich denke, dass die Chinesen seit jeher viel Mitgefühl haben und einen starken Sinn dafür, was gut und richtig ist", sagt Ai Weiwei. "Doch bisher waren die Informationen immer kontrolliert." So bot sich keine Gelegenheit zu helfen. Ai Weiwei ist zwar überzeugt, dass China politische Reformen braucht, doch findet er, dass die Gesellschaft heute schon freier ist: "So kann sich Hilfsbereitschaft entfalten."

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