"Weltbester Schiedsrichter"
Collina pfeift WM-Finale

Der Italiener Pierluigi Collina pfeift am Sonntag das WM-Finale zwischen Deutschland und Brasilien. Die deutschen Erfahrungen mit dem "Red Adair" in Schwarz sind eher unangenehm - vor allem für die Nationalspieler vom FC Bayern. 1999 ließ Collina beim Champions League-Finale in Barcelona so lange nachspielen, dass Manchester United nach Ablauf von 90 Minuten noch zu zwei Treffern gegen die Bayern kam.

sid/dpa SEOUL/YOKOHAMA. Pierluigi Collina pfeift am Sonntag das WM-Finale zwischen Deutschland und Brasilien. Der 42-jährige Italiener wird an den Linien vom Schweden Leif Lindberg und Philip Sharp aus England assistiert. Dies teilte der Weltverband FIFA am Donnerstag mit. Die Partie um Platz 3 zwischen Südkorea und der Türkei leitet Saad Mane aus Kuwait.

Die Wahl erschien logisch, und sie ist dennoch kurios. Dass Pierluigi Collina aus Italien das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Rekord-Weltmeister Brasilien und Deutschland (Sonntag, 13.00 Uhr MESZ/live im ZDF und bei Premiere) leitet, war irgendwie ein Selbstläufer. Der 42-Jährige steht im Ruf, einer der Besten seiner Zunft zu sein, wenn nicht gar der Beste.

"Kojak" hat in der Regel alles und alle im Griff: das Spiel, die kleinen "Ganoven", die großen "Verbrecher". Und populär wie ein TV-Star ist die glatzköpfige Kult-Pfeife mit den Glupschaugen, der im International Stadium von Yokohama von Philip Sharp (England) und Leif Lindberg (Schweden) assistiert wird, ohnehin. "Vielleicht liegt das an meinen blauen Augen", sagt er grinsend.

Allerdings: Damit dem viermaligen "Weltschiedsrichter des Jahres" zum Ende seiner WM-Karriere auch tatsächlich die Leitung des Finales übertragen werden konnte, bedurfte es zuvor des Scheiterns der "Squadra Azzurra" im WM-Achtelfinale. So geschah es denn auch, doch das 1:2 n.V. gegen Co-Gastgeber Südkorea war zugleich auch der Auslöser der hitzigen Diskussionen über die WM-Schiedsrichter.

Collina als eine Art Wiedergutmachung für die aufgebrachten Italiener? Wohl kaum. Der Leiter des Olympia-Endspiels 1996, der so schön böse gucken kann ("Ich erschrecke mich manchmal selbst, wenn ich mich im Fernsehen sehe"), ist Spezialist für brisante Partien. Eine Art "Red Adair" in Schwarz. Die Spieler aber, darauf weist er gerne hin, "brauchen keine Angst vor mir zu haben."

Denken sie an Collina, dürften bei Rudi Völler und seinen Spielern allerdings die Alarmglocken angehen: Der Finanzberater aus Viareggio war mit der Leitung des WM-Qualifikationsspiels zwischen Deutschland und England (1:5) im vergangenen September in München betraut. Rund ein Jahr zuvor pfiff er außerdem das Vorrundenspiel der EM-Endrunde zwischen Deutschland und England (0:1).

Denkwürdige Spiele mit deutschen Mannschaften sind offenbar ohnehin Schicksal des Italieners: Im Mai 1999 in Barcelona ließ Collina, dem seit einer Stoffwechselkrankheit vor zehn Jahren keine Haare mehr wachsen, die Uhr beim Finale in der Champions League so lange laufen, dass Manchester United nach Ablauf von 90 Minuten noch zu zwei Treffern gegen Bayern München kam.

Diese brisanten Partien wurden dem zweifachen Familienvater aber ebenso selbstverständlich übertragen wie die ebenfalls äußerst prekäre WM-Gruppenbegegnung zwischen Argentinien und England (0: 1). Dabei pfiff Collina nach einem Fall von Michael Owen den von David Beckham verwandelten Elfmeter. "Einer der weltbesten Schiris fällt auf eine solche Schwalbe rein", sagte dazu Franz Beckenbauer.

Kritiken für Collina, der neben seiner Muttersprache auch fließend die englische, französische und spanische beherrscht, sind aber eher selten. Und darauf vorbereitet ist der Glatzkopf, dem der Deutschen Fußball-Bund (DFB) vor einem Länderspiel als Gastgeschenk mal einen Fön überreichte, allemal. "Es gehört schon ein bisschen Masochismus zum Schiedsrichter-Sein", sagt er.

Der Selbstqual bei der, wie er betont, "unperfekten Sportart Fußball", setzt sich Collina international seit 1995 aus. Um Fehler zu reduzieren, wird er sich auf das Endspiel mit gewohnter Akribie vorbereiten. "Ein guter Schiedsrichter muss alles über die beiden Teams wissen. Ihre Taktik und die Eigenschaften all ihrer Spieler. Nur so kann man halbwegs sicher sein, richtig zu reagieren."

Kein Problem ist für Fifa-Präsident Joseph Blatter die Tatsache, dass der Italiener für den deutschen Ausrüster adidas einen TV-Spot gedreht hat. "Ich sehe keinen Konflikt, denn adidas ist auch Partner des Weltverbandes", reagierte der Schweizer auf eine entsprechende Frage am Donnerstag auf der Pressekonferenz in Yokohama.

Das Finale wird Collinas letzte WM-Partie sein. Bei der WM in Deutschland 2006 hätte er das Alterslimit von 45 Jahren schon knapp überschritten. In Yokohama trifft er im Übrigen auf alte Bekannte: Christian Ziege und Oliver Bierhoff. Sie waren dabei, als Collina sein erstes Länderspiel pfiff, am 24. April 1996 in Rotterdam. Auch brisant. Aber Deutschland gewann mit 1:0 gegen die Niederlande.

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