Welteke ist vorsichtig optimistisch
Handel befürchtet Rezession

Der Einzelhandelsverband HDE hat seine Umsatzprognose für das kommende Jahr drastisch gesenkt und hält für Deutschland nach dem Ausbleiben eines wirtschaftlichen Aufschwungs das Abrutschen in eine Rezession für möglich. Bundesbank-Präsident Ernst Welteke äußerte sich am Freitag dagegen vorsichtig optimistisch zur Wirtschaftsentwicklung.

Reuters BERLIN. "Für das kommende Jahr müssen wir unsere Prognose auf nominal Minus 0,5 Prozent zurücknehmen", sagte HDE-Präsident Hermann Franzen in Berlin. Noch im September war er für 2003 von einem leichten Umsatzplus inklusive der Preissteigerung von rund einem Prozent ausgegangen. Welteke sagte, der Erholungsprozess der deutschen Wirtschaft sei weiterhin intakt, ihm fehle es aber an Dynamik und erkennbarer Beschleunigung. Vor allem die Stimmungslage sei, weniger als die Konjunktur selbst, durch die Turbulenzen an den Finanzmärkten gedrückt. Der Aufschwung werde auch im nächsten Jahr verhalten bleiben. Die Steuereinnahmen entwickelten sich nach Angaben des Finanzministeriums nach einer vorübergehenden Stabilisierung in den beiden Vormonaten im September wieder rückläufig.

Handel tritt seit Jahren auf der Stelle

Für das laufende Jahr erwartet der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) weiterhin ein Umsatzminus von nominal 2,5 und real etwa drei Prozent. Im August waren die Einzelhandelsumsätze im Vergleich zum Vorjahr den neunten Monat in Folge gesunken. Nach einer HDE-Umfrage setzten Unternehmen auch im September zwei Prozent weniger um als im Vorjahresmonat. "Seit zehn Jahren treten wir auf der Stelle, bewegen sich die realen Umsätze auf dem Niveau von 1992. Seit zehn Monaten geht es bergab", sagte HDE-Präsident Franzen. Besonders für kleine und mittlere Einzelhandelsgeschäfte bleibe die Lage äußerst prekär. Der HDE kritisierte die Koalitionsbeschlüsse und rechnet als Konsequenz daraus für 2003 mit einem Nachfrageentzug beim Handel durch die Verbraucher von mehr als fünf Milliarden Euro.

Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft werden nach Auffassung Franzens immer trüber. Der seit dem Frühjahr wiederholt versprochene Aufschwung sei ausgeblieben. "Stattdessen droht ein Rückfall in die Rezession." Auch eine Deflation wie in Japan sei möglich.

Bundesbankpräsident Welteke wies diese Einschätzung zurück. "Deutschland ist weit weg von deflationären Entwicklungen", sagte er beim Baugewerbetag in Berlin. Welteke bezeichnete die aktuelle Diskussion über eine Entwicklung in Richtung eines allgemeinen Preisverfalls als irrational, wenn man bedenke, dass kürzlich noch über die Teuerungswirkung des Euro diskutiert worden sei. Die Preisentwicklung dürfte nahezu stabil bleiben. Allerdings habe die EZB die Lohnentwicklung im Blick. Auch die Entwicklung des Ölpreises spiele für die Inflationsentwicklung eine große Rolle.

Die kriselnde Bauwirtschaft wird nach Weltekes Worten in den nächsten Monaten kaum von einer gesteigerten Wirtschaftsaktivität profitieren können. Mittelfristig sehe er aber gute Chancen für die deutsche Baubranche vor allem im Bereich Umwelt, Wasserversorgung, Infrastruktur und Verkehr.

Welteke will keine Ratschläge der Politik

Zum Wunsch nach einer EZB-Leitzinssenkung, den auch Politiker der rot-grünen Koalition geäußert hatten, sagte Welteke: "Wir Geldpolitiker brauchen keine Hilfe von der Politik für unsere Entscheidungen". Mit Blick auf die wirtschaftliche Lage sagte der Bundesbankpräsident, die Verzögerung des erhofften Aufschwungs wirke zwar verschärfend auf die Kreditsituation. Eine generelle Kreditverknappung sei aber nicht zu beobachten. Welteke sagte, er lehne eine flexible Interpretation des europäischen Stabilitätspakts ab, wie sie unter anderem die Bundesregierung befürwortet.

Wie aus dem Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums hervorgeht, erreichte die Neuverschuldung des Bundes bereits in den ersten neun Monaten 2002 mit 19,9 Milliarden Euro fast den geplanten Gesamtjahreswert von 21,1 Milliarden Euro. Während die Ausgaben des Bundes mit 4,2 Prozent gegenüber den Vorjahresausgaben erheblich über der für 2002 angepeilten Rate von 1,8 Prozent lagen, sanken die Steuereinnahmen des Bundes gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,3 Prozent. Geplant ist für 2002 ein Anstieg der Steuereinnahmen um 2,8 Prozent. Auch die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Gemeinden zusammen - ohne die reinen Gemeindesteuern - wiesen ein Minus von 3,5 Prozent auf.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%