Welteke sieht derzeit keine Inflationsgefahren
Bundesbank-Chef will Zinssenkung

Der Aufschwung in Europa verzögert sich, der Druck auf die Preise nimmt ab. Für Bundesbankpräsident Welteke kommt es jetzt darauf an, ein Signal zu setzen. Er spricht sich für niedrigere Zinsen aus.

FRANKFURT/M. Bundesbankpräsident Ernst Welteke hat sich indirekt für eine Senkung der Euro-Leitzinsen ausgesprochen. Mit Blick auf die nächste Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) am 5. Dezember sagte er dem Handelsblatt: "Wenn wir auf mittlere Frist keine negativen Aspekte für die Preisentwicklung sehen, könnten wir möglicherweise einen Zinsschritt tun, um damit vielleicht auch psychologisch ein insgesamt verbessertes Klima zu schaffen." Dass sich ein EZB-Ratsmitglied im Vorfeld einer Sitzung so deutlich für eine Zinssenkung ausspricht, ist ungewöhnlich.

Im Unterschied zur US-Notenbank, die nach mehreren Zinsschritten zuletzt Anfang dieses Monats den Leitzins auf 1,25 % gesenkt hat, liegt der Euro-Leitzins seit gut einem Jahr unverändert bei 3,25 %. In den vergangenen Wochen war der Druck aus Politik und Wirtschaft auf die EZB gewachsen, die Zinsen zu senken.

Seit der Ratssitzung Anfang November, bei der bereits intensiv über das Für und Wider einer Zinssenkung diskutiert wurde, seien die Wachstumsraten in wichtigen Euro-Ländern wie Deutschland und Frankreich weiter nach unten korrigiert worden, erläuterte Welteke. Auch die im Ifo-Geschäftsklimaindex erfassten Erwartungen hätten sich erneut verschlechtert. Außerdem habe die vorläufige deutsche Inflationsrate für November deutlich nachgegeben. "Insgesamt hat sich das Preisklima gegenüber der vergangenen Sitzung weiter entspannt", urteilte Welteke. "Jetzt wird es sicher eine Abwägung geben, ob der Zeitpunkt für eine Zinssenkung gekommen ist, und wenn ja, ob um 25 oder 50 Basispunkte." Bei diesen Diskussionen spiele immer wieder die mögliche Reaktion der Märkte eine Rolle - ob sie einen kleinen Schritt als Auftakt zu weiteren Schritten ansehen oder einen größeren als Unsicherheit der Notenbank auslegen würden.

Das Argument, dass die Zinssenkung wegen der Wirkungsverzögerung der Geldpolitik möglicherweise zu spät kommen könnte, spricht nach Ansicht von Welteke nicht direkt gegen eine Lockerung. In einigen Euro-Ländern und in den USA deuten die jüngsten Konjunkturdaten bereits wieder auf eine Erholung hin. "Worauf es im Augenblick ankommt, ist ein psychologisches Signal. Ich glaube aber nicht, dass man mit einer Zinssenkung die Konjunktur wesentlich beeinflussen kann."

Aus Weltekes Sicht spricht auch die Tatsache, dass das Geldmengenwachstum seit langem den von der EZB festgelegten Referenzwert von 4,5 % deutlich übertrifft, letztlich nicht gegen eine Zinssenkung. Auf den ersten Blick würde die dynamische Geldmengenentwicklung zwar eher für eine Erhöhung und nicht Senkung der Zinsen sprechen. Aber auch die Bundesbank habe früher in einer vergleichbaren Situation trotz starker Geldmengenexpansion die Zinsen gesenkt, betonte das deutsche Mitglied im EZB-Rat. "Ich sehe nicht, warum es da zu einem Kommunikationsproblem kommen sollte."

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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