Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung
Global Player suchen neues Leitbild

Rund zwei Dutzend global agierender Unternehmen der deutschen Wirtschaft haben das Forum "Nachhaltige Entwicklung" gegründet. Mit konkreten Aktivitäten will das Forum eine nachhaltige Entwicklung fördern.

HB DÜSSELDORF. In Deutschland hat die Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten viel für die Verringerung von Abfall und Emissionen getan. Boden-, Luft- und Wasserqualität sind hier zu Lande gestiegen. Doch "nachhaltiges Wirtschaften" ist noch weitgehend unbekannt. Es umfasst weit mehr als Maßnahmen und Initiativen zur Verbesserung des Umweltschutzes: Heimische und meist gesetzlich verankerte Umwelt- und Sozialstandards sollen konzernweit gelten.

In Zeiten der Globalisierung sollen sie auch auf die internationalen Aktivitäten der Konzerne ausgeweitet werden. Mit anderen Worten: Kreislaufwirtschaft ist auch für Entwicklungsländer anzustreben, Kahlschlag von Urwäldern und Kinderarbeit sollten passé sein. Dafür ist die grenzüberschreitende Kooperation von Zulieferern, Produzenten, Wissenschaft, Interessengruppen, Handel und Regierungen unerlässlich.

Die Wirtschaft müsse an Nachhaltigkeit besonders interessiert sein, da diese als langfristiger Prozess ihre langfristigen Wachstumsmöglichkeiten sichere, betont Jürgen Zech, Ex-Chef des Gerling-Konzerns. Oft aber stehen die global agierenden Konzerne unter Erfolgsdruck wegen der kurzfristig am Shareholder-Value interessierten Aktionäre. "Nachhaltigkeit wird zuerst bei Unternehmen Gehör finden, die sich einer langfristigen Strategie verschreiben und einen dauerhaften Aktionärsstamm haben", sagt Zech.

Zeichen der Zeit erkannt

Führende deutsche multinationale Konzerne haben die Zeichen der Zeit erkannt und begonnen, auf vielfältigen Wegen mehr oder weniger schnell in Richtung "nachhaltiges Wirtschaften" zu steuern. Die Integration der drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales steht meist noch am Anfang. Die Firmen wollen überdies politische Rahmenbedingungen erreichen, die nachhaltige Innovationen stimulieren. Daher gründeten einige von ihnen vor zwei Jahren "econsense".

Mit diesem "Forum für nachhaltige Entwicklung" schufen 22 Großkonzerne aus neun Branchen eine Diskussionsplattform für einen offenen Dialog zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und anderen Interessengruppen. Die Anregung kam von BASF, Bayer, Heidelberger Zement, Ruhrgas, Siemens, Tetra Pak und Eon, den damaligen Mitgliedern des Umweltausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Das Forum "econsense" hat den Anspruch, sich als "Think Tank" der Wirtschaft zu etablieren. Seit Sommer 2000 wurde in verschiedenen Projektgruppen zu den Themenschwerpunkten "Klimaschutz und Nachhaltigkeit", "Nachhaltige Energiewirtschaft" und "Nachhaltige Produkte - Nachhaltiger Konsum" vertiefend gearbeitet. Durch Pilotprojekte mit externen Partnern wollen die Mitglieder ihre Kompetenz bei nachhaltigem Wirtschaften verstärken.

Vertrauen erhöhen

Nicht zuletzt will das Forum gegenüber der Öffentlichkeit das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Wirtschaft erhöhen. Eine Sammlung von Praxisbeispielen soll ab Herbst zeigen, dass Nachhaltigkeit machbar ist und sich rechnet. Der Öffentlichkeit soll gezeigt werden, dass die Wirtschaft nicht nur Gewinnmaximierung anstrebt, sondern sich auch den ökologischen und sozialen Herausforderungen der Zukunft ernsthaft stellt.

Fraglich ist allerdings, wie glaubwürdig es ist, wenn nur 22 Großkonzerne die deutsche Wirtschaft repräsentieren wollen. Die besteht bekanntlich aus rund 80 000 überwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen. Für sie ist Nachhaltigkeit meist ein Fremdwort.

Der Kreis der Vorreiter müsste daher versuchen, auch die übrige Unternehmenswelt von nachhaltigem Wirtschaften zu überzeugen. Darüber scheint man sich aber nicht ganz einig zu sein. "Wir müssen in die Unternehmerschaft hineinwirken", sagte "econsense"-Sprecher Zech dem Handelsblatt. Die Mitglieder werben durch gute Praxisbeispiele und Projekte für nachhaltiges Wirtschaften. Geschäftsstellenleiter Klaus Mittelbach hingegen meinte, es bestehe kein Sendungsbewusstsein nach innen. Die Information anderer Unternehmen laufe "nebenher". Umweltverbände beurteilen die Initiative grundsätzlich positiv, wundern sich aber über diese Unklarheit.

Erstaunen weckt, dass "econsense" die Mitgliederzahl begrenzt hält. Beobachter mutmaßen, zu viele Mitglieder mit unterschiedlichen Ansichten könnten dem BDI unbequem werden. Mittelbach wies diese Vermutung zurück. Mitglied zu sein verlange neben einem Beitrag von rund 20 000 Euro viel. "Der Vorstandschef muss sich persönlich engagieren - wir stehen also im Wettbewerb um die Zeit", so Mittelbach.

Merkwürdig ist, dass der erlesene Kreis nur auf drei Jahre angelegt ist. Rainer Langenberg von Bayer ist zuversichtlich, dass "econsense" länger Bestand hat. Zunächst aber muss sich das Forum 2003 der Beurteilung stellen. Dieser kurzfristige Zeithorizont steht im Widerspruch zur Nachhaltigkeit. Denn das Streben danach ist ein langfristiger Such- und Lernprozess, wie Zech zu Recht erklärte. Zudem ist nachhaltige Entwicklung "eines der entscheidenden ökonomischen Handlungsfelder der Zukunft", so Henkel-Chef Ulrich Lehner und laut RWE-Vorsitzendem Dietmar Kuhnt ein "zentraler Erfolgsfaktor im internationalen Wettbewerb".

Spannung bleibt

Man darf gespannt sein, was "econsense" nächsten Sommer vorzuweisen hat. Bei einer Tagung der Veranstaltungsreihe "im Dialog" im April jedenfalls warteten die Herren Vorstandsvorsitzenden noch nicht mit zündenden innovativen Ideen auf.

Einigkeit über politische Konzepte gab es auch nur ansatzweise. Insbesondere zum Emissionshandel und zur Ökosteuer gingen die Meinungen weit auseinander. Man könne nicht nach Marktwirtschaft rufen und eine marktwirtschaftliche Lösung wie den Emissionshandel abschießen, wetterte denn auch Thilo Bode, der ehemalige Geschäftsführer von Greenpeace International.

Eon-Vorsitzender Wilhelm Simson schimpfte über die Ökosteuer und behauptete hartnäckig: "Teure Energie ist der falsche Weg." Dagegen sagte Fritz Gautier, Chef der Ruhrgas Energie Beteiligungs-AG, man könne über Energiepreisverteuerung diskutieren. Sie müsse zielführend und sozial ausgewogen sein.

Tief blicken ließ ein Zitat, das Bode zum Besten gab. Renault-Chef Louis Schweizer habe ihm gesagt, man könne den Energieverbrauch von Autos halbieren - aber dann müsse die Energie 30 % teurer sein, und dies würde er nicht in der Öffentlichkeit sagen. Hier zeigt sich, dass Wirtschaft und Politik noch weit von echter Nachhaltigkeit entfernt sind. Bode warnte zu Recht davor, dass jeder Nachhaltigkeit so definiere, wie er es brauche.

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