Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung
In kleinen Schritten vorwärts

Die Erwartungen an den Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung Ende August in Johannesburg sind gering. Von Aufbruchstimmung ist kaum etwas zu spüren. Während die Politik noch an langfristigen Konzepten bastelt, preschen einzelne Unternehmen hier zu Lande vor und zeigen, wie Nachhaltigkeit in der Praxis funktioniert.

HB DÜSSELDORF. Zehn Jahre nach dem UN-Gipfel von Rio sieht die Bilanz aus deutscher Sicht nicht besonders rosig aus. "Insgesamt ist eine Trendwende hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise trotz vielfältiger Bemühungen erst in Ansätzen zu erkennen", heißt es in der Studie "Nachhaltige Entwicklung in Deutschland" des Umweltbundesamtes. Offenbar ist der Fortschritt auf dem ökologischen Auge noch weitestgehend blind. Und das, obwohl selbst die renommierte Unternehmensberatung Arthur D. Little schon seit Jahren davon überzeugt ist, dass ökologische Leistungen und geschäftliche Erfolge Hand in Hand gehen.

Einige wenige rühmliche Ausnahmen in der deutschen Unternehmerlandschaft zeigen, wie Nachhaltigkeit in der Praxis funktioniert und wie sich dadurch einerseits Kosten sparen lassen und sich andererseits die Wettbewerbsposition am Markt verbessern lässt. Beispiel: die Bayer AG in Leverkusen. Ein Blick in den jüngsten "Sustainable-Development-Report" zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg bei gleichzeitiger Verbesserung der Umweltdaten möglich ist. Seit 1992 hat der Konzern mehr als 12,5 Mrd. Euro für den Bau und den Betrieb von Umweltschutzanlagen ausgegeben.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Obwohl der Bayer-Konzern seine Produktion in den vergangenen zehn Jahren um mehr als ein Drittel gesteigert hat, konnten die Emissionen im gleichen Zeitraum teilweise um bis zu 70 Prozent reduziert werden. Trotz der deutlichen Steigerung der Produktionsmengen konnte der Energieverbrauch um fast 30 Prozent gesenkt werden. Auch bei einem weiteren wichtigen Thema - der Vermeidung und Verwertung von Abfällen - ist Bayer gut vorangekommen. Die Gesamtabfallmenge hat das Unternehmen seit 1990 um 25 Prozent reduziert.

Ausstoß von Treibhausgasen senken

Doch damit nicht genug: "Wir werden den Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Ende des Jahrzehnts, bezogen auf die Werte von 1990, um 53 Prozent senken", sagt das für Umweltschutz bei Bayer zuständige Vorstandsmitglied Attila Molnar. Das ist ein Spitzenwert im internationalen Vergleich, mit dem Bayer die Empfehlung der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur Halbierung der Emissionen zehn Jahre früher als gefordert erfüllen will. Freiwillige Vereinbarungen auf Industrieebene scheinen, zumindest in diesem Fall, auch ohne gesetzliche Regelungen zu funktionieren. Ökonomie und Ökologie seien, so Molnar, heute gleichrangige Ziele der Unternehmensphilosophie. Der Erfolg hat sich für den Konzern bezahlt gemacht. "Wir sind zum dritten Mal hintereinander in Anerkennung unserer Bemühungen in den Dow Jones Sustainable Development Index aufgenommen worden", erklärt Bayer-Vorstand Molnar sichtlich stolz.

Ökonomische und ökologische Interessen sind auch in anderen Branchen kein Widerspruch. Angesichts der wachsenden Diskussion über Lebensmittelqualität macht sich konsequentes Umweltmanagement schnell bemerkbar. "Investitionen in den Umweltschutz helfen, Gebühren für Energie, Wasser, Abwasser und Abfall zu sparen", so das Credo von Claus Hipp, Chef des Babynahrungsherstellers Hipp. Seit dem Umweltgipfel von Rio kann Hipp auf beachtliche Erfolge im betrieblichen Umweltschutz am Standort Pfaffenhofen zurückblicken. Durch die Einführung der Abfalltrennung werden heute fast 97 Prozent der im Produktionsprozess entstehenden Abfälle recycelt. Vermeidung und Verwertung senkten die Restmüllmenge in den vergangenen fünf Jahren um fast 70 Prozent. Die Investition in eine neue Sterilisationsanlage reduzierte den Wasserbedarf in der Produktion seit 1993 um 40 Prozent.

Energieversorgung umgestellt

Als erster großer Lebensmittelproduzent Deutschlands hat Hipp seine Energieversorgung weitestgehend auf erneuerbare Energiequellen umgestellt. Seit Februar 2001 ist das Hipp-Stammwerk in Pfaffenhofen an ein Biomasse-Kraftwerk angeschlossen. Rund 7 000 Megawattstunden Warmwasser und 36 000 Megawattstunden Wasserdampf bezieht Hipp vom benachbarten Heizkraftwerk. "So konnten wir fossile Brennstoffe durch regenerative ersetzen", sagt Bernhard Hanf, Umweltbeauftragter bei Hipp. Der ökologische Wert der Umstellung kann sich sehen lassen: Der Atmosphäre bleiben damit rund 8 000 Tonnen des Treibhausgases CO2 erspart. Firmenchef Claus Hipp hat kein Verständnis für politische Rituale und Schaukämpfe auf internationalem Parkett. Egal ob in Rio oder in Johannesburg. Es sei höchst bedauerlich, dass die Politik ihren global eingegangenen Verpflichtungen zur Reduktion des Treibhausgase nicht in entsprechendem Ausmaß nachkomme. "Umso wichtiger ist es daher, dass verantwortungsbewusste Unternehmen mit konkreten und wirkungsvollen Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase voranschreiten und Flagge zeigen", erklärt Hipp.

Auch die Deutsche Telekom zeigt in Sachen Nachhaltigkeit Flagge. Von 1996 bis 2000 konnte sie den Energieverbrauch um 15 Prozent und den Schadstoffausstoß ihrer Fahrzeugflotte um 25 Prozent reduzieren. Außerdem konnte im selben Zeitraum die Anzahl der eingesetzten umweltgefährdenden Stoffe um 85 Prozent verringert werden.

Für die Zukunft setzt sich der Konzern in seinem Umweltprogramm ambitionierte Ziele: Bis 2004 will das Unternehmen den Energieverbrauch und das Abfallaufkommen weiterhin um jeweils zwölf Prozent senken. "Wir wollen unsere Aktivitäten so effizient wie möglich gestalten, und zum anderen wollen wir unseren Kunden Dienste zur Verfügung stellen, die einen Beitrag zur Steigerung ihrer Ressourceneffizienz leisten können", sagt Gerd Tenzer, Vorstand Produktion, Technik, Einkauf und Umweltschutz.

In Kooperation mit dem Potsdam für Klimafolgenforschung-Institut hat die Telekom untersucht, welche Potenziale ihre Dienste zur Dematerialisierung haben. Im Klartext: Viele Services können durchaus einen erheblichen Beitrag zu Energieeinsparungen und somit zur Reduktion von CO2-Emissionen leisten. Beispiele dafür sind insbesondere die Reduzierung von Geschäftsreisen durch Videokonferenzen oder die Entzerrung des Verkehrs durch Tele-Working. Bei allen Erfolgen, Telekom-Vorstand Tenzer bleibt realistisch: "Uns ist vollkommen bewusst, dass der Weg zur Nachhaltigkeit lang und steinig ist. Die ständige Suche nach einer Balance zwischen den ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten verlangt große Anstrengungen und zugleich viel Fingerspitzengefühl."

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