Weltgrößte Fernsehmesse in Cannes
TV-Markt 2003: Krieg ist Gift fürs Geschäft

Vom Dach des Palais du Festival in Cannes wirbt die Firma EM.TV mit einem riesigen gelben Plakat für ihre Kinderprogramme "Junior". Das Stück ist ein Relikt aus guten alten Zeiten, als das Fernsehgeschäft brummte, und die TV-Firma EM.TV der Gebrüder Haffa dem Disney-Konzern den Rang ablaufen wollte.

HB/dpa CANNES. Die Situation hat sich in den letzten zwei Jahren deutlich gewandelt. EM.TV ist an der Pleite vorbeigeschrammt, das Plakat darf noch am Palais hängen, weil das Münchner Unternehmen einen Mehrjahresvertrag mit dem Veranstalter der weltgrößten Fernsehmesse MIPTV geschlossen hat, die gegenwärtig in Südfrankreich läuft. Die Stimmung dort ist gedrückt.

Der Krieg im Irak lässt Zweifel aufkommen, ob sich die Lage am sensiblen Werbemarkt nachhaltig ändern könnte. "Wenn der Krieg schnell vorbei ist, dann kann sich der Werbemarkt wieder langsam zum Besseren wenden", sagt RTL-Chefredakteur Hans Mahr. "Die Werbewirtschaft setzt auf ein schnelles Ende des Krieges", meint Jens Richter, der Chef der internationalen Vertriebsfirma Beta Film, die zur Kirch-Gruppe gehört und Produkte wie "Kommissar Rex" im Ausland vertreibt. "Dann könnte sich gegen Ende des Jahres die Situation wieder wandeln." Mehr als 10 000 Händler aus 92 Ländern hoffen in Frankreich auf genau diese positive Entwicklung.

Der Medienexperte und Filmemacher Lutz Hachmeister befürchtet indes, dass die Kette der Rückschläge nicht abreißt. "Der Krieg im Irak wird nicht der letzte gewesen sein", sagt er. "In anderen arabischen Ländern könnten Folgekriege beginnen, die sich verheerend für die ganze Wirtschaft und natürlich auch für die Medienwirtschaft auswirken würden." RTL-Chefredakteur Mahr weist dabei darauf hin, dass die Medien 20 Jahre lang einen ununterbrochenen Aufschwung erlebt hätten. Im Gegensatz zu anderen Industrien hätten die Medien bislang keine Einbrüche verzeichnet und müssten nun mit einer Korrektur leben. Schwere Zeiten seien auch mal ganz gut für eine Überprüfung der Strukturen.

Als Hoffnungsträger in diesen schwierigen Zeiten gelten Engagements wie das von Haim Saban. Der gebürtige Ägypter mit israelischem und amerikanischem Pass steht kurz vor der Übernahme der Pro Sieben Sat 1 Media AG und könnte als Messias einer besseren Fernsehwelt auftreten. "Er wird Wert darauf legen, künftig weiter national zu produzieren, wie es bei Sat 1 und ProSieben bisher auch schon geschah", sagt Betafilm-Chef Richter. Hachmeister vertritt die Meinung, dass Saban nicht etwa Pro Sieben, sondern Sat 1 zur "Lokomotive" des Senders machen müsste. "Pro Sieben als halbes Vollprogramm mit einer speziellen Zielgruppenausrichtung ist dafür nicht geeignet."

Zukunft von N24 bleibt unklary

Unklar bleibt unter Experten auch die Zukunft des Nachrichtensenders N24, der nach Hachmeisters Einschätzung am besten zu einem Entertainmentkanal umgemodelt werden sollte. Denn die Kriegszeiten haben gezeigt: Zwar steigen die Einschaltquoten bei aktuellen Ereignissen, aber sofort sinkt die Bereitschaft der Industrie, Werbung zu schalten. Hans Mahr hat für den Krieg die "Insellösung" erfunden. RTL sendet Serien, bettet dazwischen News- Flashes ein, von denen mit einem Werbeblock ins übliche Programm übergeleitet wird.

Dass mit Sabans Eintritt ins deutsche Fernsehen sich personell einiges ändern wird, scheint klar zu sein. Experten gehen davon aus, dass der neue Investor die Holding verschlanken und Doppelbesetzungen an der Spitze abbauen wird. Und noch eine andere Personalie steht bei dem Medienmogul offenbar auf dem Zettel: Nach Branchengerüchten hat er Thomas Gottschalk eine Offerte vorgelegt. Beide kennen sich gut, sind in Kalifornien fast Nachbarn. Mit "Wetten, dass...?" wird der blonde Publikumsliebling indes nicht zu SAT.1 oder ProSieben gehen können, denn die Titelrechte liegen beim ZDF.

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