Weltgrößter Online-Dienst braucht Europa für weiteres Wachstum
AOL Europe kämpft gegen Verluste

Für rund sieben Milliarden Dollar hat AOL Time Warner die Alleinherrschaft beim Online-Dienst AOL Europe übernommen. Doch die Verluste sind groß und in wichtigen Märkten tut sich AOL gegen die Töchter der Ex-Monopolisten wie T-Online und Wanadoo schwer. Unterdessen wächst der Druck aus den USA.

FRANKFURT. Die Online-Dienst AOL-Europe will trotz wachsendem Druck der Investoren auf den Mutterkonzern AOL Time Warner die Marketingausgaben in Europa nicht zurückschrauben. "Wir spüren den Druck und werden in diesem Jahr die Kosten in Europa spürbar senken", kündigte AOL-Europe-Chef Michael Lynton gegenüber dem Handelsblatt an.

Doch würden diese Einsparungen nicht zu Lasten des Kundenwachstums gehen. "Die Ausgaben für Marketing und Werbung werden sich diesem Jahr kaum verändern", so Lynton weiter. Die notwendigen Einsparungen sollen vor allen Dingen durch "sinkende Netzkosten" erzielt werden.

Die Vorgaben aus den USA sind ehrgeizig: AOL-Europe soll die Verluste in Höhe von 600 Mill. $ in 2001 in diesem Jahr halbieren. Der Grund: Der weltgrößte Medienkonzern zu dem TV-Sender wie CNN, Verlage wie Time Inc. und die Warner Bros. Filmstudios gehören, ist durch die Krise am Werbemarkt und milliardenschwere Abschreibungen auf Firmenwerte selbst in Bedrängnis geraten. Belastet wird das Ergebnis zusätzlich durch die Zahlung von 6,75 Mrd. $ in Bar an Bertelsmann für 49,5 % der Anteile an AOL-Europe. Bis 31. Januar hat AOL Time Warner 5,3 Mrd. $ an Bertelsmann überwiesen, die restlichen 1,45 Mrd. $ sind bis Juli 2002 fällig. In der vergangenen Woche rutschte der Aktienkurs auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Nach Einschätzung von Kaufman-Brothers-Analyst Paul Kim haben die große Anteilseigner "hunderte Millionen von Aktien auf den Markt geworfen". Ein Zeichen dafür, dass bei den Investoren Zweifel an der Strategie bestehen. Dagegen sind die Großbanken optimistisch: "Strong Buy" lauten die jüngsten Empfehlungen der Deutschen Bank und UBS Warburg.

"AOL hat viel Geld ausgegeben, um sich in Europa eine Marktstellung aufzubauen", urteilt In-Stat/MDR Analyst Gerry Kaufhold. Doch sei dieses Geld richtig angelegt. Denn AOL müsse in Europa wachsen, weil der Online-Dienst im Heimatmarkt USA mit 26 Mill. Nutzern an Sättigungsgrenzen stoße. Im vierten Quartal lag die Zahl der Neukunden mit 1,9 Mill. unter dem Wert des Vorjahresquartals.

Doch zunächst einmal hat in der AOL-Konzernzentrale in den USA das Stühlerücken begonnen. Vergangen Woche wurde der bisherige AOL-Chef Barry Schuler durch den Marketingexperten Robert Pittman ersetzt. Der hatte schon einmal vor der Fusion des Online-Dienstes mit dem Medienkonzern Timer Warner an der Spitze des Online-Dienstes gestanden. Für Pittman, der künftig zusätzlich als Chief Operating Officer (COO) die Geschicke der Konzernmutter AOL Time Warner mitbestimmen wird steht viel auf dem Spiel: "Wenn es ihm nicht gelingt, die rückläufigen Werbeumsätze bei AOL zu steigern, muss er gehen", spekuliert ein Analyst. Um diese Aufgabe zu meistern, holte Pittman zwei Tage nach seiner eigenen Ernennung James de Castro an die Spitze der Marke AOL-Internet-Services: " Er versteht Werbetreibende wie Programmierer und er weiß, wie man ein Publikum aufbaut", so Pittman über die Qualifikation des ehemaligen Radiomanagers. Das AOL-Auslandsgeschäft verantwortet weiterhin Michael Lynton, dem eine Schlüsselrolle zufallen dürfte. Bislang ist AOL in Europa mit eigenen Diensten nur in Deutschland, Großbritannien und Frankreich aktiv. Doch ausgerechnet in Deutschland - der mit 2,6 Millionen Kunden größte Auslandsmarkt außerhalb der USA - hat sich AOL auf einen langwierigen Streit mit der Deutschen Telekom AG als Netzbetreiber und der Regulierungsbehörde über Pauschaltarife (Flatrate) bei schmalbandigen Internetzugängen eingelassen. "Dieser Markt hat unserer Einschätzung ein großes Potenzial", bekräftigt Lynton das Eintreten von AOL für die Flatrate, die es in Großbritannien und Frankreich längst gibt. Gereizt reagiert auch AOL-Gründer und AOL Timer Warner Präsident Steve Case auf die regulatorischen Rahmenbedingungen im Internetmarkt Deutschland. Bei einem kürzlichen Besuch in Berlin sagte Case über Telekom-Chef Ron Sommer: "Wir sind nicht verfeindet, aber wir haben ernste Unstimmigkeiten."

Quelle: Handelsblatt

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