Weltkonjunktur deutlicher abgekühlt als erwartet
Kommentar: Aktienmärkte auf der Kippe

Ernüchternd - anders lässt sich die Entwicklung an den Weltbörsen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nicht beschreiben. Von Dax bis Dow, von der Nasdaq bis zum Neuen Markt - im Vergleich zum Jahresanfang liegen alle wichtigen internationalen Aktienindizes im Minus. Der Aufschwung, der im Frühjahr bei den frustrierten Anlegern noch leise Hoffnung keimen ließ, hat sich als Strohfeuer erwiesen. Nach dem jüngsten Kursrutsch üben sich die Strategen der großen Banken auch für das zweite Halbjahr in Bescheidenheit. Dem Deutschen Aktienindex trauen die Experten bis Silvester gerade einmal ein Plus von zehn bis 20 Prozent zu. Viel ist das nicht, doch die bescheidenen Ansprüche zeugen von Realismus. Denn bis die Börsen wieder richtig in Schwung kommen, wird es aller Voraussicht nach länger als sechs Monate dauern.

Der Grund für den Rückschlag am Aktienmarkt liegt auf der Hand: Die Abkühlung der Weltkonjunktur fällt weitaus heftiger aus als noch zu Jahresbeginn erwartet und wird sich länger hinziehen als gedacht - mit entsprechenden Folgen für die Gewinne der Unternehmen. Massive Wachstumsverlangsamung in den USA und in Euro-Land, Japan seit Jahren in der Krise ohne realistische Aussicht auf Erholung - Skeptiker warnen bereits vor einer weltweiten Wirtschaftskrise.

Solch finstere Gedanken beschäftigen auch den amerikanischen Notenbankpräsidenten Alan Greenspan, davon legen das Ausmaß und die Häufigkeit der Zinssenkungen in diesem Jahr Zeugnis ab. Greenspan ist fest entschlossen, eine länger anhaltende Flaute in den USA zu verhindern, deshalb hat er die Leitzinsen seit Januar in fünf Schritten um insgesamt 2,5 Prozentpunkte gesenkt, mit einer weiteren Senkung rechnen die Märkte heute. So aggressiv gingen die US-Zentralbanker zuletzt Anfang der 80er-Jahre zu Werke. Nach den jüngsten Inflationszahlen sehen die Volkswirte auch in Euro-Land wieder größeren Spielraum für fallende Leitsätze, so dass auch die europäischen Währungshüter ihren Teil zu Greenspans Werk beitragen könnten.

Die gute Nachricht: Bislang geht die Mehrheit der Investoren davon aus, dass die Zentralbanken ihr Ziel erreichen und die Konjunktur zumindest in den USA Ende dieses Jahres wieder anspringt. Mit einer von den Vereinigten Staaten ausgehenden Belebung der Weltwirtschaft könnten dann im Laufe von 2002 auch die Unternehmensgewinne allmählich wieder steigen. Sobald die Anleger klare Signale bekommen, dass dieses positive Szenario Wirklichkeit wird, ist der Weg für deutlichere Kursgewinne an den Börsen frei. Erste zarte Anzeichen für die erhoffte Erholung gibt es bereits: Im Mai zeigten sich die US-Frühindikatoren so robust wie seit Dezember 1999 nicht mehr, und im Juni stieg das Vertrauen der Verbraucher in die Wirtschaft im zweiten Monat in Folge.

Die schlechte Nachricht: Trotz dieser ermutigenden Nachrichten kann noch niemand guten Gewissens behaupten, dass die amerikanische Konjunktur und damit die Weltleitbörse in New York wirklich bereits über den Berg ist. Scheitert Greenspan und gleiten die Vereinigten Staaten in eine länger anhaltende Krise ab, dann droht den internationalen Aktienmärkten ein weiterer herber Rückschlag. Denn in den Bewertungen an der Wall Street ist bereits eine Menge Optimismus enthalten, was die erhoffte Wiederbelebung der Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte angeht. Schwindet diese Zuversicht, dann geraten die Kurse erneut kräftig ins Rutschen. Und leider gilt die Binsenweisheit noch immer: Wenn sich die Wall Street eine Erkältung einfängt, droht Europa eine Lungenentzündung.

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