Weltmeisterliches Schönrechnen
Geteilte WM heißt teure WM

Zwei Länder, 20 Stadien, davon 18 Neubauten - die Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea hat das Zeug, die kostspieligste WM aller Zeiten zu werden.

HB TOKIO. Doch Kritik ist nicht zu hören. Wirtschaftsforscher halten die Veranstaltung für ein Konjunkturprogramm, und Politiker appellieren an den Sportsgeist. Das neue Stadion im japanischen Miyagi, rund vier Stunden nördlich von Tokio, ist der Stolz der Präfektur. Wie zwei Kranichflügel schwingen die beiden Dachhälften aneinander vorbei und verleihen dem Ganzen einen leicht futuristischen Eindruck. 25 Milliarden Yen, rund 216 Millionen Euro, hat sich die Regionalregierung das Glanzstück kosten lassen, in dem vier Spiele der Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden.

Wie bitte? 216 Millionen Euro für insgesamt vier Spiele? Nicht ganz, sagt Shineju Takeda vom World-Cup-Informationsbüro der Präfektur. Nächstes Jahr sollen die nationalen Sportmeisterschaften hier ausgetragen werden. Außerdem werde Miyagis Profifußball-Mannschaft hier um die nationale Meisterschaft kämpfen. Füllen können diese Spiele das Stadion allerdings nicht: Die Profikicker locken im Schnitt nur etwas mehr als 10 000 Zuschauer an, Platz wäre für fünfmal so viele.

Miyagi ist nicht die einzige Präfektur, die sich vor der Fußballweltmeisterschaft ein Großstadion gegönnt hat. Acht der zehn Stadien sind nach Angaben des Japanischen Organisationskomitees für die WM, JAWOC, Neubauten. In Korea sind sogar alle zehn Stadien eigens für die Weltmeisterschaft errichtet worden - für insgesamt 1,7 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Frankreich kam vor vier Jahren mit zehn Stadien aus, die für rund 600 Millionen Euro aufpoliert wurden. So ist die WM 2002 nicht nur die erste Fußballweltmeisterschaft in Asien und die erste gemeinschaftlich ausgetragene überhaupt. Sie kann sich auch mit dem Superlativ schmücken, die teuerste zu sein, die es bisher gegeben hat.

Einer der Hauptgründe für die hohen Kosten liegt darin, dass Japan und Korea sich nicht von vornherein gemeinsam um die Austragung beworben hatten. Jeder hatte bis zum Beschluss der Fifa die komplette WM im eigenen Land geplant. So hatte der japanische Fußballverband genug damit zu tun, die Zahl der Austragungsorte von 15 auf zehn zu senken. Hinzu kommt das hohe Preisniveau: Der Bau von Stadien, Straßen und Spielerlagern für die WM in Japan verschlang knapp fünf Mrd. Euro. Vieles davon, so heißt es von offizieller Seite, wäre allerdings auch sonst im Rahmen der staatlichen Konjunkturprogramme an die Bauindustrie geflossen.

Die Veranstalter finden, dass das Geld für die WM gut angelegt ist. Schon jetzt zeige sich in den Gastregionen, dass die Fußballbegeisterung so groß sei wie noch nie, sagt Glenn Johnston vom JAWOC. Zudem hoffen vor allem Gastronomie und Hotellerie auf einen Nachfrageschub. Fast 400 000 Gäste kommen während des Monats ins Land des Lächelns. Japaner kaufen Fanartikel und Fernsehgeräte. Doch das allein bringt, je nach Expertenschätzung, nur eine zusätzliche Nachfrage von 370 bis 790 Milliarden Yen - also nur knapp 0,1 bis 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

"Der WM-Effekt kommt zwar zur richtigen Zeit, denn gerade klärt sich der Konjunkturhimmel in Japan auf", meint Keiichi Matsumura vom Dai-ichi Life Research Institute. Eine WM-Euphorie mit Nachfragefieber wie in Frankreich erwartet er aber nicht. "Japan ist einfach keine Fußballnation." Die Franzosen hatten nach dem Titelgewinn im eigenen Land vor vier Jahren durch ihre Kauflust für ein Wachstum von 3,5 Prozent gesorgt. Im Baseball-dominierten Japan aber nimmt Fußball keinen vergleichbaren Stellenwert ein, auch wenn das Interesse vor allem in der jüngeren Generation steigt. "Wenn das japanische Team gewinnt, wird es bestimmt einen Nachfrageschub geben, ansonsten wird der Effekt nicht überwältigend sein", sagt auch Wirtschaftsexperte Norio Kamijo. Der Wissenschaftler ist jedoch sportbegeistert genug, um einzuräumen, dass die Chancen für einen Sieg der japanischen, aber auch der koreanischen Mannschaft alles andere als gut stehen.

Auch Noriko Hama, Wirtschaftsforscherin beim Mitsubishi Research Institute, meint, die Nachfrageeffekte der Weltmeisterschaft sollten nicht überschätzt werden. Viele Hotels etwa hätten weit weniger Buchungen erhalten als erhofft. "Es wäre ein Betrug an der Bevölkerung, die Weltmeisterschaft über die Nachfrageseite schönzurechnen. Die WM wird einen Haufen Geld kosten. Viele Kosten sind doppelt entstanden, weil zwei Länder die Veranstalter sind." Allerdings habe das Sportereignis soziale Folgen, die diese Kosten wert seien. Hinter diesem Satz steckt die Hoffnung auf ein besseres japanisch-koreanisches Verhältnis.

Die Stadt mit dem Flügelstadion dagegen rechnet weder mit der großen Politik, noch ist sie, was den Tourismus anbelangt, euphorisch. "Die meisten Fans werden am selben Tag wieder nach Tokio zurückfahren", glaubt Takeda vom WM-Informationsbüro. Kurzfristig sei die WM also ein reines Verlustgeschäft für den Steuerzahler. In zehn oder 20 Jahren werde durch die Stadien jedoch eine neue Sportkultur entstanden sein. "Und das", meint Takeda, "ist unbezahlbar."

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%