Weltsport und Weltpolitik bilden bei den Olympischen Spielen eine temporäre Achse
Leben in Little America

Olympia ist keine politikfreie Zone. Im Eisstadion lebte der Kalte Krieg neu auf, und die USA schickten mehr Soldaten in den Schnee von Utah als nach Afghanistan.

SALT LAKE CITY. War?s hier? Hat er hier, bei dieser forschen Verkäuferin, seinen Burger bestellt? Hat sie ihn, wie jeden anderen Kunden auch, gefragt, wie es ihm heute denn so geht? Könnte sein. Der McDonald?s-Laden an der 200 West Street in Salt Lake City ist eine Fast-Food-Filiale wie jede andere, ideal also, um unerkannt in den Double Quarter Pounder zu beißen. So auch Osama bin Laden? Die Meldung über die vermeintliche Stippvisite des Terroristenführers bei den Winterspielen wurde vergangene Woche zwar schnell dementiert, doch ganz sicher waren sich die Amerikaner nicht.

Schließlich leidet eine ganze Nation seit Monaten unter einer Art Verfolgungswahn. Nicht nur jener Typ, der am Salzsee den Buletten-bin-Laden gesehen haben will. Auch dem Präsidenten, meinen Kritiker, erginge es nicht besser. George W. Bush steigere sich in eine Rolle hinein mit einem Gegner, der nur schwer zu definieren und zu orten sei. Die "Achse des Bösen" mit Iran, Irak und Nordkorea raube dem ersten Mann im Staate nicht nur den Schlaf, sondern auch den kühlen Kopf.

Bei der olympischen Eröffnungsfeier vor zwei Wochen fühlten sich viele in dieser Theorie bestätigt, als Bush beim Einmarsch der kleinen iranischen Mannschaft dreinblickte, als wolle er allein mit seiner Mimik die Bösesten der Bösen noch toppen. Was nicht von wahrer Größe zeugt.

Der 11. September ist in den Köpfen

Großes Amerika, kleines Amerika? Zwischen den Extremen sind es bisweilen nur wenige Meter. In Salt Lake City liegt das Luxushotel "Grand America" dem "Little America" direkt gegenüber, und in der kleinen Herberge logieren die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees. Ein Indiz, dass Olympia nur ein Mosaikstein im großen Ganzen ist, dennoch aber kurzzeitig einen ganz speziellen Beitrag zum Befinden der USA beisteuert.

Sobald ein Sportler auch nur aus der Nähe New Yorks kam, wurde er in Pressekonferenzen nach seinen Gefühlen rund um den 11. September befragt. Eleven-o-nine, wie viele das historische Datum kurz und bündig nennen, spukt nach wie vor in den Köpfen aller, auch der Sportjournalisten, herum. Und immer nutzten die Athleten diese willkommene Vorlage, um zu betonen, wie wichtig es momentan sei, dass die Nation eine Einheit bilde.

Sogar Verteidigungsminister Donald Rumsfeld kam in dieser Woche nach Salt Lake City, um seinen Untergebenen einen Besuch abzustatten. In einer Fragestunde mit den Uniformierten betonte er, dass man in die Olympiastadt mehr Soldaten zur Sicherung der Spiele entsandt habe als zum Kriegseinsatz nach Afghanistan. Weltsport und Weltpolitik bildeten in den Augen der Gastgeber gewissermaßen eine Achse, was irgendwie an jene "Simplifizierung" erinnerte, die Frankreichs Außenminister kürzlich in der US-Politik ausgemacht hatte.

Die "Skategate"-Affäre

Laut einer Umfrage ist für die Mehrheit der Amerikaner der Kampf gegen den Terror nicht von Erfolg gekrönt, solange sich Osama bin Laden in Freiheit befindet. "Tot oder lebendig" will Bush ihn und weiß nicht einmal, ob der Terrorist überhaupt noch lebt. Als aus Geheimdienstkreisen verlautete, die Unwissenheit über den Verbleib des Staatsfeinds führe zu Erscheinungen wie bei den "Elvis-Sightings" (siehe McDonald?s), drückte dies ein wenig die Ratlosigkeit der Bush-Politik aus. Bei der Rock-?n?-Roll-Legende wehren sich die Amerikaner gegen die Endgültigkeit, bei bin Laden wird sie herbeigesehnt. Die US-Medien heizen die Stimmung gegen das immer internationaler werdende Böse im Zweifelsfall noch an, auch beim globalen Sportereignis in Utah. Der Punktrichter-Skandal im Eiskunstlaufen, bei dem ein kanadisches Paar durch einen osteuropäischen Block plus einer französischen Stimme zunächst um eine Goldmedaille gebracht worden war, bestimmte viele Tage die Nachrichtenlage und wurde aufgeregt zu "Skategate" erklärt.

Nicht allein deswegen, weil die Sportart in den USA ungemein populär ist. Sondern vor allem, weil die Geschichte so wunderbar alte Muster wieder an die Oberfläche spülte. Die hässliche Fratze des Kommunismus hatte zugeschlagen. Auf einen Bösen mehr oder weniger kam es nicht mehr an, und mit dem Geschrei um korrupte Punktrichter war der zuvor alles dominierende Enron-Skandal wie weggeblasen aus den Nachrichtensendungen.

Die Empörung in Russland folgte auf dem Fuß. Nicht nur ihr siegreiches Eiskunstlauf-Paar sei fälschlicherweise an den Pranger gestellt, sondern auch andere Sportler in den USA ungerecht behandelt worden. Sogar das Parlament in Moskau beschäftigte sich mit dem Thema, die Medien sprachen vom "Rückfall in Zeiten des Kalten Krieges". Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Leonid Tjagatschow, beklagte den "eindeutig politischen Aspekt bei den nicht objektiven Schiedsrichterentscheidungen".

Der alte kalte Krieg hat immer noch viele Bühnen

Die Eiskunstläufer selbst konnten den Aufschrei des Westens ebenso wenig nachvollziehen und wurden in Larry Kings Talkshow als unverbesserliche Betonköpfe östlicher Prägung präsentiert. Erst Tage später gaben sie sich versöhnlicher bei einer neuerlichen Medaillenvergabe gemeinsam mit den Kanadiern. Unterdessen sprach ein NBC-Rückblick auf das olympische Eishockey-Duell von 1980 zwischen den USA und der Sowjetunion Bände. Das Statement eines gegnerischen Spielers wurde mit hartem osteuropäischem Akzent übersetzt. So grässlich, liebe Amerikaner, hört sich der Gegner an.

Der alte kalte Krieg zwischen Ost und West hat immer noch viele Bühnen. Eine davon ist letztlich auch Olympia. Das weiß auch Bush, dessen Popularitätswerte nach den militärischen Erfolgen in Afghanistan höher denn je sind. Er dürfte froh sein, wenn die Wintersportler das Land wieder verlassen haben. Obwohl die Vereinigten Staaten sich als "Nation im Krieg" sehen, entschlossen, stolz und nervös dazu, konnte er es sich kaum leisten, den Erfolg des Großevents durch die Eröffnung eines neuen Kriegsschauplatzes im Irak zu gefährden. Diese zumindest theoretische Funktion der Olympischen Spiele ist freilich nur eine zeitlich begrenzte.

Ungefähr so, wie der Aufenthalt bei McDonald?s nur für 30 Minuten erlaubt ist. "Nicht herumlungern", steht auf dem Schild im Fast-Food-Laden an der 200 West Street, und das galt auch für den Kunden bin Laden. Eine halbe Stunde dauert das Leben hier, es muss fix gehen. Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Grand America, Little America? In diesem speziellen Fall trifft wohl eher die kleine Version zu.

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